Retortenstadt und Spielplatz für Architekten

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Im Zentrum des Bildes und im Zentrum der Stadt: der Präsidentenpalast

An Nursultan Nasarbajew, dem ersten und immer noch amtierenden Präsidenten von Kasachstan scheiden sich die Geister. Die einen sehen in ihm einen weiteren autokratischen und korrupten Staatschef, der sich an den Bodenschätzen seines Landes bereichert, andere hingegen loben ihn als Vater des kasachischen Wirtschaftswunders, dem es gelungen ist, sein Land wirtschaftlich sowohl nach Osten als auch Westen zu öffnen und auf der internationalen Bühne zu platzieren.

Ausdruck dieses wirtschaftlichen Aufschwungs ist die neue Hauptstadt Astana. Auf Beschluss von Nasarbajew wurde 1997 der Regierungssitz von Almaty, im Süden des Landes, in die Mitte der kasachischen Steppe verlegt. Also von einem pulsierenden, charmanten Ort ins Niemandsland, wo die Temperaturen zwischen minus 40 Grad im Winter und plus 40 Grad im Sommer schwanken. Finanziert durch Milliarden aus den Öl- und Erdgasgeschäften ist hier aus der ehemaligen Provinzstadt während des postsowjetischen Turbokapitalismus innert zwei Jahrzehnten ein Spielplatz für Architekten entstanden.

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Astana besticht durch spektakuläre Architektur (rechts die Zentrale Konzerthalle)

Für uns Grund genug, nach unserem Usbekistan-Besuch und vor der Weiterreise nach Kirgistan einen kurzen Stopp einzulegen. Unser Flugzeug landet nachts um drei Uhr. Anders als zuhause gibt es hier kein Nachtflugverbot. Der Flughafen ist rund um die Uhr in Betrieb. Die Einreise ist deutlich weniger kompliziert als bei unseren vorherigen Destinationen in Zentralasien. Dort regierte die Bürokratie. In Kasachstan dagegen können Schweizer visumsfrei einreisen. Dem Zöllner am Flughafen ist dies zwar nicht bekannt. Zunächst fragt er mich, ob mein Pass echt sei. Als ich dies bejahe, will er mein Visum sehen. Ich erkläre ihm, dass ich keines benötige – und rechne schon damit, dass nun längere Diskussionen folgen könnten. Der Zöllner schaut mich aber bloss kurz an und sagt dann achselzuckend: „Also gut, willkommen in Kasachstan.“

Nicht nur die unkomplizierte Einreise zeigt uns, dass Astana – untypisch für Zentralasien – auf ein internationales Publikum ausgerichtet ist. Um vom Flughafen ins Zentrum zu gelangen, können wir hier bequem via Uber ein Auto bestellen. Der Weg in die Stadt ist einfach: Wir fahren auf einer schnurgraden Strasse, vorbei am Gelände der Weltausstellung, die kurz nach unserem Besuch in Astana stattfindet. International sind leider auch die Preise der vielen modernen Hotels. Wegen der bevorstehenden Expo sind die Zimmer knapp und wir müssen etwas tiefer als erhofft in die Tasche greifen, um hier übernachten zu können.

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Khan Shatyr

Am kommenden Tag besichtigen wir die Stadt. Wir beginnen beim Khan Shatyr. Dabei handelt es sich um ein grosses Gebäude in der Gestalt eines transparentes Zeltes. Der britische Stararchitekt Norman Foster, bekannt für das Swiss-Re-Gebäude (The Gherkin) in London, hat dieses Zelt entworfen. Die Eröffnungsfeier des Khan Shatyr wurde 2010 anlässlich des 70. Geburtstages des kasachischen Präsidenten begangen, zahlreiche Staatschefs anderer Länder reisten eigens dafür nach Astana. Die Feier allein kostete 10 Millionen Dollar, das Gebäude 260 Millionen Dollar.

Das Zelt dient als Shopping Center, es gibt aber auch ein Kino und unter dem Dach befindet sich ein Aquapark. Wir steuern den Starbucks an, weil wir nach zwei Wochen in Zentralasien Lust auf einen passablen Kaffee haben. Derzeit liegt der Khan Shatyr noch am Stadtrand Astanas. Geplant ist jedoch, dass er sich irgendwann im Zentrum befindet, dass also die Stadt um ihn herum noch mächtig wächst. Wenn man sieht, wie Astana in den vergangenen Jahren geboomt hat, ist das zweifellos ein realistisches Szenario. Heute hat die Stadt knapp 900’000 Einwohner, bis 2030 sollen es 1,4 Millionen sein.

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Grosse Parks, wuchtige Architektur.

Das Gebäude ist typisch für Astana. Hier gibt es atemberaubende Architektur, wohin das Auge reicht. Fast alle grossen Gebäude wurden erst nach 1998 gebaut, als Astana zur Hauptstadt wurde. Finanziert ist die Architektur vom Reichtum Kasachstans an Bodenschätzen, an Öl und Erdgas. Astana soll, so der Wille der Staatsführung, zur Vorzeigestadt werden, der man den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes ansieht. Der Brite Norman Foster konnte sich nicht nur beim Khan Shatyr verwirklichen. Er baute am anderen Ende der Stadt auch den Palast des Friedens und der Eintracht – eine 77 Meter hohe Pyramide, die auf einem kleinen Hügel steht und die verschiedenen Religionen der Welt symbolisieren soll.

Das Wahrzeichen Astanas ist jedoch der Bajterek-Turm. Er ist 105 Meter gross und wurde vom kasachischen Architekten Akmurza Rustembekov entworfen. Er symbolisiert einen Lebensbaum. Einer Sage nach legte der legendäre Vogel Samruk ein Ei in die Baumkrone. Das Gebäude sieht denn auch aus wie ein Baum mit einem Ei an der Spitze. Die Einheimischen, die den Turm besuchen, lassen sich in die gläserne Kuppel des Turms hinauffahren, um dort ihre Hand in den vergoldeten Relief-Abdruck der Hand von Präsident Nasarbajew zu legen. Das soll Glück bringen.

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Palast des Friedens und der Eintracht

Auch wenn die Architektur überwältigend ist und die Entwicklung der Stadt einem Respekt abverlangt, eines ist für uns unverständlich. Dass nicht auch gleichzeitig ein Netz des Öffentlichen Verkehrs gebaut wurde. Es gibt weder eine Metro, noch ein Tramnetz. Lediglich Stadtbusse verkehren. Die Stadt Astana setzt ausschliesslich auf benzinbetriebenen Autoverkehr. Das ist sonderbar für eine Stadt, die unmittelbar nach unserem Besuch die Weltausstellung beherbergt, deren Motto lautet: „Future Energy“. In Sachen Verkehr dünkt uns, dass Astana eher die Vergangenheit verköpert.

Uns fällt zudem auf, dass auch die funkelnden Gebäude nicht besonders nachhaltig gebaut sind. Der Khan Shatyr, das Einkaufszentrum von Norman Foster, wirkt von Nahem betrachtet schon erstaunlich heruntergekommen. Wobei das extreme Klima in Astana sicher seinen Teil dazu beiträgt.

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Bajterek-Turm

Bevor wir weiterreisen nach Kirgistan, wo wir zehn Tage lang vor allem in Jurten übernachten und uns von Hammelfleisch ernähren werden, gönnen wir uns noch ein westliches Abendessen. Wir gehen in ein Pub, in dem vornehmlich Expats essen. Viele Expats. Ein Zeichen dafür, wie sehr diese Stadt brummt und Leute aus aller Welt anzieht, die im oder mit dem Öl- und Gasstaat Geschäfte machen wollen.

Text: Patrick Künzle. Fotos: Andreas Beglinger.

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