Revolution, Klöster und Jazz

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Gläubige im Kloster Tatev

Unsere Reise nach Armenien beginnt mit Blitz und Donner. Nicht, dass wir von diesem Gewitter etwas sehen, aber es hält uns in Basel fest. Nach Armenien gibt es keine Direktflüge aus der Schweiz, also haben wir die Reise mit einem Zwischenstopp in Wien geplant. Das Flugzeug, dass uns von Basel aus nach Österreich bringen soll, hängt jedoch wegen des Gewitters in Wien fest. Es kommt mit zweistündiger Verspätung, weswegen wir unseren Anschlussflug in die armenische Hauptstadt Jerewan verpassen. Wir müssen ungewollt einen Tag in Wien verbringen. Es gibt Schlimmeres.

Mit einem Tag Verspätung kommen wir schliesslich in Jerewan an. Wir haben uns im Vorfeld der Reise entschieden, die Hauptstadt zu unserem Hauptquartier zu machen und von hier aus verschiedene Tagesausflüge zu planen. Armenien ist mit seinen knapp 30’000 Quadratkilometern nicht allzu gross, so dass sich das Land bestens auf diese Weise bereisen lässt. Wir checken also ein im Hotel Republica, einem modernen, stilvoll eingerichteten Haus, und erkundigen als Erstes die Stadt.

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Jerewan, eine lebendige Stadt

Zum Zeitpunkt unserer Reise hat Armenien turbulente Wochen hinter sich. Die Wochen, der „samtenen Revolution“. Zehntausende von Bürgerinnen und Bürgern gingen tagelang auf die Strassen, um zu demonstrieren gegen die langjährigen Machthaber. Die Leute protestierten so lange, bis die Regierung abtrat. Der frühere Journalist und Dissident Nikol Pashinyan, der die Protestbewegung angeführt hatte, wurde zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Als wir in Jerewan sind, glauben wir, diese Aufbruchstimmung zu spüren. Die „samtene Revolution“ war ein Protest, der von jungen, urbanen Menschen geprägt war. Und im Strassenbild sehen wir viele dieser jungen Leute. Sie sitzen in den schicken Strassencafés der Innenstadt, treffen sich dort mit Freundinnen und Freunden oder schlagen ihre Laptops auf. Wir sind überrascht vom kosmopolitischen Flair Jerewans. Kein Vergleich mit der Atmosphäre in anderen postsowjetischen Staaten, die wir in den Jahren zuvor bereist haben.

Zunächst tauchen wir aber ein ins alte Jerewan. Wir spazieren durchs Kond-Quartier, das an einem Hügel am Rande der Stadt liegt. Das Quartier entstand im 17. Jahrhundert und war von Anfang an multiethnisch. Hier lebten nicht nur armenische Christen, sondern auch Muslime. Später fanden zahlreiche Flüchtlinge ihr Zuhause. Charakteristisch sind die engen Strassen und die niedrigen Steinhäuser, die jedoch vielfach in einem schlechten Zustand sind. Es ist ein lebendiger Ort. Kinder spielen auf der Strasse, Männer reparieren ihre Autos oder messen sich beim Backgammon. In den 80er-Jahren, noch während der Sowjetzeit, gab es Pläne, das Quartier zu renovieren. Sie wurden aber nie umgesetzt. Und so ist einer der letzten halbwegs intakten alten Stadtteile dem Zerfall ausgesetzt.

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Kinder spielen in den engen Gassen des Kind-Quartiers

Wir verlassen das Kond-Quartier und fahren mit dem Taxi an einen anderen Ort Jerewans, an dem man in die Geschichte eintaucht. Wir fahren zur Genozid-Gedenkstätte. Sie erinnert an den Völkermord im Osmanischen Reich an den Armeniern. An den Völkermord, den die Türkei bis heute leugnet. 1915 verhafteten die türkischen Behörden in Istanbul die armenische Führungsschicht. Es folgte die Vertreibung und Vernichtung der Armenier. Bis zu 1,5 Millionen Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein. Bei der Gedenkstätte handelt es sich um einen riesigen Park oberhalb der Stadt. Zahlreiche ausländische Staatsoberhäupter oder religiöse Führer haben Tannen für den Park gespendet.

Die Gedenkstätte im Park wurde eingerichtet zum 50. Jahrestag des Völkermords im Jahr 1965. Entstanden ist ein typisch sowjetischer Monumentalbau. Zwölf gewaltige Pylonen aus Basalt umfassen die ewige Flamme. Daneben ragt ein 40 Meter hoher Obelisk in den Himmel, ihm gegenüber erstreckt sich eine hundert Meter lange Mauer mit den Namen der Städte und Dörfer, in denen 1915 Massaker gegen Armenier stattgefunden haben. Unter dem Monument befindet sich ein Museum, in dem Texte und Fotos von der Brutalität der damaligen Ereignisse zeugen. Draussen, von der Gedenkstätte aus, schliesslich sieht man den Ararat, den heiligen Berg der Armenier und sagenumwobenen Fundort der Arche Noah. Er liegt jedoch auf türkischem Staatsgebiet. Auch eine Folge der Geschichte, die es nicht gut gemeint hat mit den Armeniern. Ein grosser Teil ihres historischen Siedlungsgebiets liegt heute auf fremdem Staatsgebiet.

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Die Völkermord-Gedenkstätte oberhalb Jerewan.

Unseren ersten Tag in Jerewan lassen wir ausklingen auf der Kaskade. Ein merkwürdiges Bauwerk. Es handelt sich um eine riesige Treppe aus hellem Stein mit 572 Stufen, die im Zentrum der Hauptstadt einen Hang hinaufführen. Erste Pläne für diesen gigantischen Bau gab es in den 1930er-Jahren. Die Sowjetführung liess die Treppe aber erst in den 1970er-Jahren bauen. Anlass war der 50. Geburtstag der Sowjetisierung Armeniens. Die Treppe ist nie ganz fertig geworden, einzelne Teile sehen immer noch aus wie Provisorien.

Wir steigen die Treppe hoch, weil man von ihrer Spitze einen schönen Ausblick auf Jerewan erhält. Und weil wir eine Statue besichtigen wollen, die wir von unten gesehen haben. Es handelt sich um eine 50 Meter grosse Frauen-Figur, die ein Schwert in den Händen hält: Mutter Armenien. Die Statue wurde 1967 aufgestellt und ersetzte damals eine grosse Stalin-Figur. Im Innern der Mutter Armenien befindet sich ein Museum. Die Kaskade gefällt uns, weil es ein schöner Ort ist, um die Abendstunden zu verbringen. Man sieht die Sonne untergehen hinter der Stadt, Jung und Alt kommt hierher, um zu flanieren. Am Fusse der Kaskade gibt es zudem zahlreiche Restaurants und Cafés.

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Kaskade in Jerewan

Da wir während unserer Armenien-Reise abends nach Tagesauflügen jeweils wieder nach Jerewan zurückkehren, haben wir ausreichend Gelegenheit, die Restaurants der Stadt zu erkundigen. Ein erfreuliches Erlebnis. Toll ist beispielsweise das Dolmama. Es serviert traditionelles Essen. Bekannt ist es, der Name sagt es, für Dolma: ein armenisches Gericht, bei dem eine Hackfleisch-Reis-Mischung in Weinblätter gerollt wird. Jerewans Gastro-Szene ist aber nicht nur traditionell: So geniessen wir den Abend im Dargett Brewpub. Dargett ist das erste Craft-Bier Armeniens, gegründet im Jahr 2016. Die Auswahl an eigenen Bieren ist beeindruckend.

Jerewan hat aber auch eine lebendige Jazz-Szene. Es gibt international bekannte Künstler wie Tigran Hamasyan. Wir besuchen ein Lokal namens The Club. Es handelt sich um eine spannende Mischung aus Galerie, Restaurant und Konzert-Lokal. Wir steigen ins Untergeschoss und nehmen an einem Zweiertisch Platz. Serviert wird moderne armenische Küche. Wir probieren dazu – natürlich – armenischen Wein. Die Besitzer des Lokals haben auch ein eigenes Weingut. Das Beste an The Club ist aber: Jeden Abend gibt es Live-Musik. Bei uns sind es zwei Jazz-Pianisten, die ihr Können zeigen. Später wollen wir dann noch ein anderes Jazz-Lokal besuchen. Eines, das opulent eingerichtet ist mit viel Holz und schweren Stühlen. Leider ist es ausgebucht.

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Blick von der Kaskade über Jerewan

Die meiste Zeit bei unserer Armenien-Reise verbringen wir jedoch nicht in Jerewan, sondern unterwegs im Land. Wir haben uns über den armenischen Reiseveranstalter Hyur einen Fahrer besorgt. Norik holt uns am zweiten Vormittag nach unserer Ankunft in Armenien im Hotel ab und nimmt uns gleich mit auf einen Zweitagestrip in den Süden des Landes.

Erste Station ist das Kloster Khor Virap. Wir sehen es von Weitem und der Anblick ist atemberaubend. Das Kloster liegt auf einem kleinen Hügel und dahinter erhebt sich der schneebedeckte Gipfel des Ararats. Im Kloster selber stellen wir fest, dass sehr viele Touristen unterwegs sind. Immer wieder laden Busse Horden von Besuchern ab. Das ist logisch, weil es sich um die berühmteste Pilgerstätte Armeniens handelt. Die vielen Leute stören ein wenig die Atmosphäre, aber das Kloster unmittelbar vor dem heiligen Berg hat trotzdem eine schöne Aura.

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Khor Virap mit dem Ararat im Hintergrund

Wir fahren weiter und lassen uns einweihen in die Kunst des traditionellen Brotbackens. Wir besuchen ein Ort, wo Frauen ungesäuerte Fladenbrote herstellen, sogenannte Lavasch-Brote. Die Frauen vermischen Mehl, Salz und Wasser zu einem Teig und kleben ihn auf die heissen Flächen eines offenen Backofens. Ein paar Minuten später entfernen sie den Teig wieder vom Backofenrand – fertig ist das Brot.

Man sieht den Frauen an, dass die Arbeit am heissen Ofen anstrengend ist. Das frische Brot ist herrlich. Es lässt sich formen, mit Frischkäse und Kräutern füllen und stellt einen wunderbaren Snack dar.

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Eine Frau bereitet den Teig für ein Lavasch-Brot zu.

In der Ortschaft Areni, südlich von Jerewan, besuchen wir das Weingut „Hin Areni„. Was viele in der Schweiz gar nicht wissen: Armenien ist eines der ältesten Weinländer der Welt. Bei der Führung durch die Produktionsstätten erzählt man uns, dass in der Gegend seit mehr als 6000 Jahren Wein produziert wird. Das Weingut wurde aber erst 1994 gegründet. Das Datum, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, ist kein Zufall. Während der Sowjetzeit wurde in Armenien kaum mehr Rot- oder Weisswein produziert. Die Trauben wurden verwendet, um Cognac herzustellen.

Nach dem Abzug der Sowjets verfielen viele Rebberge. Bis eben wieder neue Weingüter aufgebaut wurden. Aktuell hat Armenien rund 17’000 Hektaren mit vorwiegend einheimischen Reben. Die Voraussetzungen für Weinbau sind mit bis zu 300 Sonnentagen, kühlen Nächten und Kalksteinböden ideal. „Hin Areni“ verfügt über modernste Maschinen aus Frankreich und Italien, um den Wein herzustellen. Derzeit produziert man 150’000 Flaschen im Jahr, rund 20 Prozent werden nach Russland exportiert. Arenis Weine sind übrigens auch beliebt bei Rotweintrinkern im Iran. Im Gottesstaat ist Alkohol bekanntlich verboten. Iranische Lastwagenfahrer legen auf dem Weg nach Teheran häufig noch einen Zwischenhalt in Areni ein. Rotwein hat glücklicherweise eine ähnliche Farbe wie Coca-Cola, deshalb füllen ihn die geschäftstüchtigen Armenier in Plastikflaschen ab, die sie auf Holzregalen am Strassenrand an die iranischen Fernfahrer verkaufen. Diese schmuggeln ihn auf diese Weise über die Grenze.

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Noravank

Wir fahren weiter in den Süden. Über eine schmale Strasse, die von Felsen gesäumt wird, gelangen wir zum Kloster Noravank. Es stammt aus dem 13. Jahrhundert. Danach beschliessen wir den Tag mit einem Besuch im Vorotnavank-Kloster. Es ist noch älter. Die Kirche auf der Klosteranlage wurde im Jahr 1000 fertiggestellt. Mir persönlich gefällt die Ruhe. Es ist wunderschön durchs hohe Gras des Friedhofs zu streifen und alte Grabsteine anzuschauen. Nach einem langen Tag unterwegs kommen wir schliesslich abends im Eco Resort Harsnadzor an. Wir übernachten in Holzhütten, die wie grosse Fässer aussehen.

Am anderen Tag stehen wir ziemlich früh auf, um zu den ersten Touristen zu gehören, die die Luftseilbahn von Tatev besteigen. Sie wurde im Oktober 2010 eingeweiht, um ein mittelalterliches Kloster zu einem Ausflugsziel zu machen. „Wings of Tatev“ heisst die Bahn – etwas pathetisch. Die Aussicht während der Fahrt ist aber sehr schön. Auf den 5,7 Kilometern überblickt man die tiefe Schlucht, die der Fluss Vorotan in die Landschaft geschnitten hat. Das Kloster Tatev, das wir auf diesem Weg erreichen, gilt als eines der bedeutendsten Architekturdenkmäler Armeniens. Auf dem grossen Gelände des Klosters befinden sich drei Kirchen. Wir erklimmen einen kleinen Hügel unweit des Klosters. Von dort ist der Blick auf die Anlage besonders schön: Man sieht, wie sie auf einen Felsen gebaut wurde.

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Tatev

Auf dem Weg vom Süden zurück nach Yerevan machen wir noch einen Stopp in Karahunj, quasi das Stonehenge Armeniens. Es handelt sich um ein Gräberfeld aus der Bronzezeit. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zwischen dem 20. und dem 16. Jahrhundert vor Christus angelegt wurde.

Welche Bedeutung es hat, darüber streiten sich die Experten. Das Schöne an dieser Stätte ist, dass sie – anders als Stonehenge – frei begehbar ist. Dies könnte sich in den kommenden Jahren jedoch auch zu einem Problem entwickeln. Kritiker haben jedenfalls bereits bemängelt, dass sich der Zustand der Stätte laufend verschlechtert.

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Karahunj

Es sind viele Kloster, die wir in Armenien besuchen. Das schönste Erlebnis haben wir am vierten Tag. Wir sind sehr früh unterwegs und das ist unser Glück. Norik, unser Fahrer, bringt uns direkt nach Geghard. Es befindet sich in einer Schlucht und die Räume sind teilweise in den Fels gehauen. Das Kloster ist eines der bedeutendsten Zeugnisse der Armenischen Apostolischen Kirche und anerkannt als Unesco-Welterbe. Eindrücklich ist unser Besuch, weil wir an diesem Tag die ersten Besucher sind. Als wir dort eintreffen, befinden sich bloss einige Mönche im Kloster.

Es ist ein sehr intimer Moment, als ein Priester mit Weihrauch einen Raum segnet, in dem wir ausser ihm selber die einzigen Menschen sind. Ohne die in anderen Klöstern obligaten Touristenströme strahlt ein Ort wie dieser einen wesentlich grösseren Zauber aus. Wir nehmen uns deshalb auch aussergewöhnlich viel Zeit, das Kloster von allen Seiten zu betrachten und die Atmosphäre zu geniessen. Erst, als der erste Bus voller Besucher kommt, ziehen wir weiter.

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Im Kloster Geghard

Armenien ist das Land der Klöster. An diesem Tag steht jedoch noch ein ganz anderes Bauwerk auf unserem Programm. Ein Tempel, der eine Mischung von griechisch-römischer und armenischer Baukunst darstellt. Er steht in der Kleinstadt Garni.

Der Tempel wurde vermutlich im 2. Jahrhundert gebaut – mit Geld, das der lokale König in Rom bei einem Besuch von Kaiser Nero erhalten hatte. Er ist eines der wenigen Zeugnisse der Zeit, bevor das Christentum nach Armenien kam.

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Garni-Tempel

Tags darauf fahren wir an den Sevan-See. Dabei handelt es sich um den grössten Süsswassersee im Kaukasus, etwa doppelt so gross wie der Bodensee. Es ist ein Sehnsuchtsort vieler Armenier. Mit zahlreichen Stränden und touristischer Infrastruktur zieht er in den Sommermonaten viele Touristen an. Der See selber war während der Sowjetzeit der Schauplatz einer ökologischen Katastrophe.

Unter Stalin wurde dermassen viel Wasser für die Landwirtschaft und die Stromgewinnung vom See abgezogen, dass der Pegel sank. In den 1960er-Jahren musste man befürchten, dass der See aus dem Gleichgewicht geraten könnte. Es wurden glücklicherweise aber schliesslich zwei Tunnels gebaut, um den Wasserstand zu stabilisieren. Seither steigt der Wasserpegel wieder. Rund um den See gibt es – wer würde es denken? – wunderschöne Klöster. Beispielsweise Sevanavank, wo bei unserem Besuch Blumenwiesen eine dermassen tolle Kulisse bilden, dass viele verliebte Paare hier Fotos von sich schiessen.

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On the road again

Für uns geht es an diesem Tag noch zu weiteren Klöstern. Dabei gefällt uns vor allem Hovhannavank. Mit seinem Bau wurde im 5. Jahrhundert begonnen, die meisten Bauten stammen aber aus dem 13. Jahrhundert.

Uns gefällt es, weil seine Lage aussergewöhnlich ist: Es befindet sich direkt am Rand einer Schlucht. Zudem sieht man in der Ferne den Ararat, den heiligen Berg.

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Hovhannavank

Am nächsten Morgen heisst es für uns: Rucksäcke packen. Norik, unser Fahrer, bringt uns an diesem Tag mit seinem Auto von Jerewan ins Nachbarland Georgien, nach Tiflis. Die Fahrtzeit beträgt etwa sechs Stunden. Wir haben aber noch zwei Zwischenstopps eingeplant. Kurz vor der Grenze, in der Provinz Lori, besuchen wir ein architektonisch spektakuläres Gebäude. Es ist das regionale Zentrum einer Hilfsorganisation. Da hinter diesem Zentrum eine interessante Geschichte steckt, habe ich darüber einen separaten Text geschrieben.

Den letzten Stopp machen wir schliesslich beim Kloster Haghpat. Es stammt aus dem 11. Jahrhundert und gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Es gilt als Meisterwerk der armenischen religiösen Architektur. Im Mittelalter war es ein bedeutendes Lernzentrum.

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Haghpat

Vom Kloster aus sind wir schliesslich in knapp einer Stunde an der Grenze zu Georgien. Der Grenzübertritt ist problemlos, die Formalitäten sind rasch erledigt. Und wir freuen uns auf eine spannende Zeit in Georgien.

Fotos: Andreas Beglinger

Die kleine Revolution

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Moderne Architektur mitten auf dem Land

Vetternwirtschaft, Korruption und Machtmissbrauch. Davon hatten Zehntausende von Armenierinnen und Armeniern in diesem Frühling genug. Sie gingen tagelang auf die Strassen der Hauptstadt Jerewan, um zu demonstrieren gegen die langjährigen Machthaber. Die „samtene Revolution“, wie sie bald genannt wurde, war erfolgreich. Der frühere Journalist und Dissident Nikol Pashinyan, der die Protestbewegung angeführt hatte, wurde im Mai vom Parlament zum neuen Ministerpräsidenten gewählt, obschon seine Partei keine Mehrheit hat.

Es war eine städtische Revolution. Sie spielte sich in Jerewan ab, geprägt von jungen Menschen, welche die Sowjetzeit nur noch vom Hörensagen kennen und weniger autoritätsgläubig sind als die älteren Generationen. Wer Jerewan in diesen Tagen besucht, spürt die Aufbruchstimmung. Das Leben pulsiert in der Metropole, die mit ihren vielen Strassencafés und Jazzkellern ein kosmopolitisches Flair verströmt.

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Eingangsbereich des Smart-Centers in Lori

Wer Jerewan verlässt, ist jedoch rasch in einer ganz anderen Welt. Wir fahren ganz in den Norden Armeniens, in die Provinz Lori. Sie wurde 1988 von einem schweren Erdbeben hart getroffen, dessen Narben bis heute nicht verheilt sind. Lori ist eine der ärmsten Gegenden des Landes und die Fahrt von Jerewan hierher ist wie eine kleine Zeitreise. Knapp die Hälfte der Bevölkerung lebt in Lori heute noch von der Landwirtschaft. Die Gegend leidet an Landflucht. Viele junge Menschen sehen in Lori keine Zukunft für sich selber. Sie ziehen weg nach Jerewan, aber vor allem ins Ausland, nach Russland oder Georgien.

Aber es tut sich etwas. Krist Marukyan ist jedenfalls davon überzeugt, dass auch in Lori Aufbruchstimmung herrsche. Er arbeitet für den Children of Armenia Fund (COAF), eine von Exil-Armeniern gegründete Hilfsorganisation, die in den ländlichen Gebieten Armeniens tätig ist. Krist Marukyan sagt stolz: „Bei uns spielt sich ebenfalls eine Revolution ab.“ Damit meint er ein futuristisch anmutendes Gebäude, das der libanesische Architekt Paul Kaloustian entworfen hat und diesen Sommer eröffnet wurde. Es wirkt wie ein unförmiges Raumschiff, das mitten im Grünen, in dieser menschenarmen Gegend gelandet ist. 5,5 Millionen Dollar hat sich die Hilfsorganisation das Gebäude kosten lassen. Prominente Gönner wie Schauspieler Leonardo DiCaprio oder Künstler Jeff Koons haben sich an der Finanzierung beteiligt.

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Kaffee-Ecke im Smart-Center

Das Gebäude ist das erste sogenannte „Smart Center“ der Hilfsorganisation. Krist Marukyan leitet das Zentrum. Von hier aus wollen er und seine Mitstreiter die Bevölkerung der Umgebung erreichen, insgesamt 150’000 Menschen. Diese sollen die Möglichkeit haben sich weiterzubilden. Das Angebot ist riesig. Die Einheimischen können Englisch büffeln, Programmieren lernen (der IT-Sektor boomt in Armenien) oder werden mit den neuesten landwirtschaftlichen Anbautechniken vertraut gemacht. Das Zentrum will jedoch auch die Gesundheitsversorgung in der abgelegenen Gegend verbessern mit regelmässigen Sprechstunden für die Bevölkerung. Hinzu kommen Freizeitangebote wie Musik-, Tanz- oder Theaterkurse. „Unser Ziel ist es, den Menschen in der Umgebung einen Grund zu geben, hier zu bleiben und nicht in die Städte abzuwandern“, sagt Krist Marukyan.

Wie das funktionieren könnte, zeigt das Beispiel von Sargis Davoyan, einem 15-jährigen Teenager aus einer kleinen Ortschaft in der Provinz Lori. Dort lebt er mit seiner Mutter. Sein Vater und sein Bruder sind nach Russland ausgewandert. „Dass ein Teil der Familie weggeht, ist völlig normal, weil es bei uns viel zu wenig Jobs gibt“, sagt Sargis. Er besucht nun im „Smart Center“ einen zweijährigen Englisch-Kurs, der ihm gratis angeboten wird. Er hofft, mit dieser Grundlage eines Tages studieren und letztlich in Armenien bleiben zu können.

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Bibliothek

Interessant ist das Konzept des „Smart Centers“. Ihm angeschlossen sind weitere „Smart Rooms“ in der Umgebung. Diese sind wesentlich kleiner, haben aber ebenfalls eine Infrastruktur für Sprach- und Computerkurse. Von dort aus kann man zudem per Video-Konferenzschaltung an Kursen teilnehmen, die im grossen Zentrum stattfinden. Die „Smart Rooms“ haben aber noch eine andere Funktion. Sieben von ihnen befinden sich an der Grenze zu Aserbaidschan. Dort ist die politische Lage angespannt. Wegen Grenzstreitigkeiten zwischen Armenien und Aserbaidschan kommt es bisweilen zu Schusswechseln. Die „Smart Rooms“ dienen der lokalen Bevölkerung als Schutzräume. Sie können im Notfall bis zu 150 Leute zwei Tage lang beherbergen.

Die Hilfsorganisation COAF ist ein gutes Beispiel dafür, dass man in Armenien stark auf die Hilfe der grossen Diaspora im Ausland setzt. Drei Millionen Menschen leben in Armenien – doppelt so viele Armenier im Ausland. Viele der Exil-Armenier wollen mithelfen, dass die Kaukasus-Nation vorwärts macht. Hinter COAF steht Garo Armen, ein amerikanischer Unternehmer mit armenischen Wurzeln. Er gründete die Hilfsorgansiation vor 15 Jahren, weil er bei einem Besuch in Armenien schockiert feststellte, dass auf dem Land viele Kinder nicht zur Schule gingen, kaum Zugang zu sauberem Wasser hatten und ihre medizinische Versorgung prekär war. Um die Landflucht zu stoppen oder einzudämmen, bräuchten die jungen Leute eine Perspektive, war er überzeugt.

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Im Gespräch mit Innesa Grigoryan

„Unsere Hilfsorgansation begann sehr klein – in einem einzigen Dorf“, sagt Innesa Grigoryan, stellvertretende Direktorin von COAF. Sie selber arbeitet seit der Gründung der Organisation an vorderster Front mit. Sie erzählt: Man habe damals das Dorf Karakert in der Provinz Armavir zur Modell-Gemeinde erklärt. COAF habe das Schulhaus renoviert, Wasserleitungen und einen öffentlichen Park gebaut,  Freizeitaktivitäten für Kinder organisiert, Kerosin-Öfen in den Wohnhäusern durch weniger gefährliche Heizungen ersetzt und medizinische Untersuchen für Frauen eingeführt. „Das Geld für unsere Arbeit sammeln wir in den USA“, sagt Innesa Grigoryan. Jedes Jahr im Dezember findet ein grosser Fundraising-Anlass in New York statt, seit 2004 konnten auf diese Weise rund 40 Millionen Dollar zusammengetragen werden. Aus dem einen Modelldorf sind mittlerweile 44 Gemeinden geworden, die von COAF unterstützt werden. „Bei jedem Dorf gehen wir gleich vor: Wir fragen zuerst die Bevölkerung, was sie braucht, und versuchen dann, gemeinsam mit den Bewohnern die gewünschten Verbesserungen zu erzielen.“

Nach dem gleichen Prinzip will COAF auch bei den „Smart Centers“ vorgehen. Jenes in Lori soll erst der Anfang sein, bald schon soll es viele solche Zentren geben. Die Ziele sind ambitioniert. „Wir wollen mit unseren Programmen irgendwann rund die Hälfte der armenischen Bevölkerung erreichen“, sagt Innesa Grigoryan. Möglichst viele junge Armenierinnen und Armenier sollen Zugang zu Weiterbildung haben und von einer guten Gesundheitsversorgung profitieren. Denn beides ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, von dem die Weltbank schätzt, dass mehr als 40 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze von 5.50 Dollar pro Tag lebt – und das in den letzten zehn Jahren rund zehn Prozent der Menschen verloren hat, weil diese mangels Perspektiven ins Ausland abgewandert sind.

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Computer-Arbeitsplätze mit Aussicht

Krist Murkyan, der Leiter des „Smart Centers“ in Lori findet, dass sich der Einsatz von COAF bereits gelohnt hat. Er ist überzeugt: COAF habe auch einen kleinen Beitrag zur „samtenen Revolution“ geleistet. Früher seien die Menschen auf dem Land schlechter gebildet gewesen als heute „und haben den politischen Führern einfach alles geglaubt“. Dank Programmen wie jenem von COAF, das sich an die Landbevölkerung richtet, sei das heute anders. Und deshalb würden korrupte Politiker heutzutage hinterfragt – und bisweilen auch gestürzt.

Fotos: Andreas Beglinger