Durchs wilde Kirgistan

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Unendliche Weiten, viel Natur – das ist Kirgistan

Es ist schon dunkel, als wir in Bishkek landen, der Hauptstadt Kirgistans. Nachdem wir Usbekistan und Turkmenistan vor allem wegen der Kultur und Architektur besucht haben, zieht uns hier etwas anderes an. 94 Prozent der Landesfläche sind Gebirge. Die Natur ist die grosse Attraktion. Dies macht das Land zum Ziel von Trekking-Touristen. Wir sind überrascht, wie unbürokratisch die Einreise erfolgt. Wir wussten zwar, dass wir kein Visum benötigen. Dass die Zollformalitäten jedoch gleich schnell erledigt sind wie in einem EU-Land, ist dann doch verblüffend.

Wir werden am Flughafen erwartet von Myrzabek. Er ist der Leiter von CBT Kirgistan. CBT – das bedeutet: Community Based Tourism. Die Organisation gibt es seit knapp 20 Jahren und sie hat Pionierarbeit geleistet in Kirgistan. In einem Land, in dem es ausserhalb der Hauptstadt keine klassische touristische Infrastruktur wie Hotels oder Öffentlichen Verkehr gibt, hat CBT das Reisen möglich gemacht. Von Anfang an ging es nicht nur darum, ausländische Gäste anzuziehen, sondern auch der lokalen Bevölkerung zu helfen. Sie soll direkt vom Tourismus profitieren. Das Hauptziel sei, „die Lebensbedingungen der Menschen in abgelegenen Gebieten zu verbessern, ohne dass die Natur unter dem Tourismus leidet“, erzählt uns Myrzabek. Die Organisation vernetze lokale Bauernfamilien und ermögliche es ihnen, Gäste zu beherbergen oder ihnen Trekkings anzubieten. 

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Unterwegs in Kirgistan

Wir finden es schön, dass sich der Chef von CBT Kirgistan einen Abend lang Zeit nimmt, uns zu erklären, wie seine Organisation funktioniert. Er lädt uns ein in ein traditionelles kirgisisches Restaurant: Das Chaikhana Navat ist ein reich mit farbigen Wandteppichen dekoriertes Lokal, das an diesem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Es spielt eine Folklore-Band, es ist aber nicht – wie an so vielen anderen Orten – organisierter Kitsch für Touristen. Wir sind die einzigen Fremden hier. Die Folklore ist authentisch. So authentisch wie das Essen, das in grossen Portionen serviert wird.

Myrzabek freut sich darüber, dass wir aus der Schweiz kommen. Der Grund: CBT Kirgistan wurde mit viel Hilfe aus der Schweiz gegründet. Die Entwicklungshilfe-Organisation Helvetas initiierte im Jahr 2000 das Tourismus-Projekt. Sie bildete in Kirigstan Einheimische aus. Diese sollten mit dem erworbenen Wissen CBT Kirgistan aufbauen, so dass die Organisation irgendwann auf eigenen Füssen stehen kann. Dies ist gelungen: Mittlerweile ist CBT Kirgistan nicht mehr auf finanzielle Unterstützung aus der Schweiz angewiesen. Myrzabek erzählt aber, dass er selber immer wieder zur Weiterbildung in die Schweiz reise. Und er sagt, dass im Winter jeweils Schweizer Skilehrer nach Kirgistan kommen, um den Schneesport zu fördern. Dieses Projekt sei auf fünf Jahre angelegt. Die Idee sei, dass junge Kirgisen im Winter, wenn die Trekking-Touristen weg sind, als Skilehrer arbeiten könnten und damit ein Einkommen hätten.  Tatsächlich hat der Wintersport in Kirgistan Potenzial. In Karakol gibt es eine Skistation, die Gegend ist schneesicher und es gibt zahlungskräftige Kundschaft aus Russland und Kasachstan.

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Eine typische Nebenstrasse in einem typischen kirgisischen Städtchen

Nach dem spannenden Gespräch fahren wir in unser Hotel, wo wir ein hübsches Zimmer beziehen. Am nächsten Tag startet unser Kirgistan-Abenteuer. Mit Ivan. Er begrüsst uns vor dem Hotel. Ivan ist Mitte 50, kam zu Sowjetzeiten mit seinen Eltern aus Russland nach Kirgistan. Später diente in der Sowjet-Armee, trauert dieser Zeit immer noch nach und arbeitet heute als Fahrer für Touristen. Uns begleitet er die kommenden acht Tage durch Kirgistan. Ivan ist ein Glücksfall, wie wir unterwegs noch feststellen werden. Zwar können wir uns nur bruchstückhaft unterhalten, da Ivan kaum Englisch spricht und wir kein Russisch. Wenn er uns aber mal dringend etwas mitteilen möchte, spricht er einen Satz auf Russisch in sein Handy, das ihm dann die Übersetzung liefert. So verständigen wir uns prima.

Von Bischkek sehen wir kaum etwas. Bei der Fahrt durch die Stadt fällt uns lediglich auf, dass – anders als im Polizeistaat Usbekistan – für einmal nicht an jeder Ecke ein Beamter steht. Später merken wir, dass die Polizisten hier ihre Zeit offenbar lieber damit verbringen, an Landstrassen zu stehen und Geschwindigkeitsbussen auszusprechen. Unser Fahrer Ivan gibt uns zu verstehen, dass diese Geschwindigkeitsbussen willkürlich seien. Man könnte sie auch als Schmiergeld bezeichnen.

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Burana-Turm

Es geht ostwärts. Unser erstes Ziel ist der Burana-Turm. Es gibt in Kirgistan nicht allzu viele historische Bauwerke zu bestaunen. Der Burana-Turm ist eine Ausnahme. Es handelt sich um ein Minarett, das als einziges Bauwerk noch übrig geblieben ist von einer Stadt aus dem 9. Jahrhundert. Der Turm war einst 45 Meter hoch, heute sind es noch 25 Meter. Es ist derzeit leider nicht möglich, ihn zu besteigen – aber der Besuch lohnt sich trotzdem. Viel Zeit können wir aber nicht hier verbringen, da wir an diesem Tag noch vieles vorhaben.

Unser Ziel ist Song-Kul, der zweitgrösste See Kirgistans, der auf 3000 Meter über Meer liegt. Es ist Anfang Juni und nach einem schneereichen Winter ist der See zu dieser Zeit nur schwer erreichbar. Zunächst fahren wir nach Kochkor, eine unscheinbare Ortschaft mit knapp 10’000 Einwohnern. Dort ist das lokale Büro von Community Based Tourism. CBT ist nämlich dezentral organisiert. Verschiedene lokale Büros stellten für die Touristen vor Ort den Kontakt her zur Bevölkerung, die touristische Angebote hat.

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Kerimbek führt uns durch die unendlichen Weiten

Wir treffen Kerimbek. Der junge Mann spricht passabel Englisch. Er arbeitet während der wärmeren Monate als Reiseführer, in der restlichen Zeit verdient er sein Geld als Viehhändler. Zusammen mit ihm fahren wir aufs Land. Wir haben vor, den Song-Kul-See hoch zu Ross zu erreichen. Die Pferde mieten wir bei einer Bauernfamilie. Der Familienvater, sein Name ist Ruslan, begleitet uns zusammen mit Kerimbek auf unserem Trip. Ruslan ist dabei verantwortlich für die Pferde. Unseren Fahrer, Ivan, lassen wir zurück. Er versucht, den See mit seinem Auto zu erreichen. Wir wollen ihn am nächsten Tag dort treffen.

Wir sind keine erfahrenen Reiter. Kein Problem, signalisieren unsere zwei kirgisischen Begleiter. Die meisten Touristen, die hierher kämen, hätten noch nie auf einem Pferd gesessen. Die Tiere scheinen denn auch unerfahrene Reiter gewohnt. Jedenfalls lassen sie sich von uns geduldig führen. Meistens jedenfalls. Wenn ein Pferd dann doch einmal bockt, spricht Ruslan ein Machtwort, dann spurt es wieder. Als wir am Ende des ersten Tages, nach einem fünfstündigen Ritt, feststellen, dass unsere Pferde mittlerweile ziemlich langsam unterwegs sind, äussern wir die Vermutung: „Die Tiere sind wohl müde.“ Daraufhin sagt Kerimbek jedoch bestimmt: „Das Problem ist nicht, dass die Pferde müde sind. Das Problem ist, dass ihr keine guten Reiter seid.“ Wir müssen Lachen über so viel Ehrlichkeit.

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Eine Hirtenfamilie beherbergt uns in ihrer Jurte

Für unsere ungeübten Hinterteile ist der lange Ritt strapaziös. Aber wir werden entschädigt durch wunderschöne Landschaften, wie sie auch der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow in seinen weltberühmten Erzählungen beschrieben hat. Hinter jeder grasbewachsenen Kuppe wartet ein bezaubernder Anblick auf uns. Weite, grüne Täler, sanfte Hügel zu allen Seiten. Wir sehen Wiesen, die mit Edelweiss übersät sind. Menschenleer ist es, dafür begegnen uns Hunderte von Schafen. Landschaftlich erinnert uns das alles sehr an die Schweiz, etwa ans Sertigtal in Davos. Bloss eben mit dem Unterschied, dass die Schweiz wesentlich dichter besiedelt ist. Kirgistan ist fünfmal grösser als die Schweiz, hat aber drei Millionen weniger Einwohner. Die Einsamkeit, die wir hier antreffen, findet man bei uns zuhause kaum.

Am Nachmittag wird es kühl. Kerimbek und Ruslan, unsere Führer, ziehen ihre Windjacken an. Wir stellen überrascht fest, dass uns diese Jacken bekannt vorkommen. Auf ihrem Rücken prangt gross der Schriftzug „Arosa“. Es sind Jacken, die ihnen Schweizer Skilehrer geschenkt haben, die im vergangenen Winter im Rahmen des oben erwähnten Projekts in Kirgistan waren. Kerimbek und Ruslan tragen die Ski-Jacken mit sichtlichem Stolz.

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Die Kinder der Hirtenfamilie

Um den See zu erreichen, müssen wir den Jalgyz-Karagai-Pass auf 3400 Metern überqueren. Zunächst übernachten wir jedoch am Fuss dieses Übergangs. Eine Nomadenfamilie verbringt hier den Sommer und hat ihre Jurten aufgestellt. Wir übernachten bei der Familie. Für uns ein schönes und intimes Erlebnis. Wir erhalten Einblick in das Leben von Nomaden, die sich mit den organisierten Trekkings und der Verpflegung von Touristen einen wichtigen Zusatzverdienst erarbeiten. Das Geld dient den Nomaden dazu, ihre traditionelle Lebenswese aufrechterhalten zu können.

Obwohl wir kein Wort mit ihnen wechseln können, freunden wir uns rasch mit den Kindern an und spielen mit ihnen. Wir sehen auch, wie hart die Frauen arbeiten. Sie kümmern sich um den Haushalt und um die Gäste. Die Mutter kocht uns ein üppiges Mahl, eine nahrhafte Suppe mit Hammelfleisch und Kartoffeln, die Tochter serviert das Essen. Den Familienvater bekommen wir kaum zu Gesicht, er ist draussen bei den Tieren, den Schafen und den Pferden. Allgemein gilt bei kirgisischen Nomaden, dass die Frauen die Hauptlast der Arbeit tragen. Als es eindunkelt, breiten wir unsere Schlafsäcke in der Jurte aus, in der wir soeben gegessen haben. Zum Entsetzen unserer Gastgeber. Mit Handzeichen geben uns zu verstehen, dass sie für uns eine eigene Jurte reserviert haben. Als wir sie betreten, sind wir verblüfft. Mit gestapelten Matrazen und Decken haben uns unsere Gastgeber richtige Betten eingerichtet. Damit haben wir wirklich nicht gerechnet, aber so lässt sich natürlich wunderbar schlafen.

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Ausblick von der Passhöhe

Am nächsten Morgen steigen wir wieder auf unsere Pferde und nehmen den Passübergang in Angriff. Ein steiler Kiesweg führt uns dorthin, den Tieren ist die Anstrengung anzumerken. Kurz vor dem Pass türmt sich plötzlich meterhoher Schnee auf dem Weg auf. Die Überreste des harten Winters. Unsere Führer finden jedoch einen Weg um den Schnee herum, der aber so schwierig zu begehen ist, dass wir von den Pferden steigen müssen. Aber wir erreichen schliesslich die Höhe. Stolz sagen unsere Begleiter, wir seien die ersten Touristen, die dieses Jahr den Pass überqueren. Wobei bloss zehn Minuten später eine weitere kleine Reisegruppe den Pass erreicht.

Der Ausblick ist toll. In der Ferne erkennen wir den Song-Kul-See. Nach weiteren zwei Stunden erreichen wir das Ufer, wo wir unser Mittagessen erhalten. Wir reiten dem Seeufer entlang und nähern wir uns gegen Abend unserem Tagesziel. Es ist ein kleines Jurten-Dorf. Im Gegensatz zum Tag zuvor dienen diese Jurten hier nicht dazu, Nomaden-Familien unterzubringen, sie sind auf Touristen ausgerichtet. Als wir ankommen, sind wir jedoch die einzigen Gäste und erfahren, dass die Jurten eben erst aufgebaut worden sind. Sie stehen nur während der warmen Monate, werden also im Juni aufgerichtet und später im September wieder abgebaut.

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Wir reiten dem Song-Kul entlang

Wir freuen uns bereits auf einen einsamen Abend an diesem atemberaubend schönen Ort. Der Blick auf den grossen Bergsee ist umwerfend, in der Umgebung grasen friedlich einige Pferde. Doch wir haben uns zu früh gefreut. Plötzlich tauchen zwei Touristen-Busse auf.

Da mittlerweile auch die Strassen zum Song-Kul-See passierbar sind, haben die Busse es hierher geschafft. Knapp zwanzig weitere Reisende übernachten heute hier. Wir trauern ein wenig der Einsamkeit nach, geniessen den Abend aber trotzdem. Zumal nun auch Ivan, unser Fahrer, auftaucht. Er zeigt uns auf seinem Handy einen Film von seiner Passüberquerung. Zeigt uns, wie sich sein Auto durch den Schnee gekämpft hat. Was uns aber am meisten freut: Ivan hat unterwegs Fische gefangen, die wir zum Abendessen geniessen. Eine willkommene Abwechslung zum vielen Hammelfleisch, das wir normalerweise vorgesetzt bekommen.

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Unsere Jurten am Song-Kul

Tags darauf tauschen wir den Pferderücken wieder mit der Rückbank in Ivans Auto, was wesentlich komfortabler ist. Vom Song-Kul-See geht es über einen Pass und dann in 32 Serpentinen hinunter ins Tal. Unser Ziel ist Tashrabat, eine alte Karawanserei. Dorthin zu gelangen, war vor einigen Jahren noch beschwerlich, die Wege waren äusserst schlecht ausgebaut. Mittlerweile sind die Strassen wie Teppiche. Der Grund: Chinesen haben in dieser Gegend in die Infrastruktur investiert.

Eine hochmoderne Strasse führt von der kirgischen Hauptstadt Bischkek über den Torugart-Pass nach Kashgar in China. Kashgar ist eine 300’000-Einwohner-Stadt im muslimischen Teil des Riesenreichs. Die Route hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, seit China daran ist, in eine neue Seidenstrasse zu investieren. In einen Handelsweg entlang der Route der klassischen Seidenstrasse. Kashgar war nämlich immer schon ein Knotenpunkt der Seidenstrasse. Für Kirgistan ist die Strasse ein Gewinn. Sie ist jedoch unter wenig schönen Umständen entstanden. Die Bauarbeiter seien „vom Arbeitgeber wie Sklaven gehalten worden“, hat der Schweizer Journalist Peter Gysling festgehalten, der für eine Dokumentation des Schweizer Fernsehens die Gegend während des Strassenbaus besuchte.

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Über diese Serpentinen fahren wir vom Song-Kul hinunter ins Tal

An der historischen Seidenstrasse liegt eben auch Tashrabat, unser Ziel – etwa 40 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Die Karawanserei stammt aus dem 15. Jahrhundert. Karawansereien haben wir schon auf unserer Reise in den Iran gesehen. Dabei handelt es sich um Unterkünfte an Karawanenrouten. Reisende konnten in Karawansereien übernachten und ihre Tiere und Handelswaren unterbringen. Der Abstand zwischen einzelnen Unterkünften betrug rund 40 Kilometer, das entsprach dem Tagespensum einer Karawane.

Die Karawanserei in Tashrabat ist geschlossen, als wir ankommen. In einer kleinen Siedlung, die unweit der Karawanserei liegt, versuchen wir jemanden zu finden, der uns die Eingangstüre aufschliessen kann – und begegnen schliesslich einer Frau, die uns weiterhilft. Weil die Karawanserei in einen Hügel hineingebaut ist, sieht sie von aussen gar nicht so gross aus. Innen stellen wir aber fest, dass sie aus rund 30 Räumen besteht.

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Die Karawanserei von Tashrabat

Aber auch hier gilt: Die eigentliche Attraktion ist die Landschaft. Tashrabat liegt auf 3100 Metern über dem Meer. Rundherum steigen die Berge in die Höhe. Wir befinden uns in einem Ausläufer des Tianshan-Gebirges, das Unesco-Welterbe ist und sich über die zentralasiatischen Staaten Kirgistan, Kasachstan, Tadschikistan und Usbekistan sowie das muslimische Uiguren-Gebiet im Nordwesten Chinas erstreckt.

Wir übernachten unweit der Karawanserei in einer Jurten-Siedlung. Abends richten wir es uns in unserem Zelt gemütlich ein, unsere Gastwirte entfachen sogar ein wärmendes Feuer im Innern, derweil der Regen aufs Dach prasselt. Als wir frühmorgens aus dem Zelt kommen, stellen wir überrascht fest, dass über Nacht einige Zentimeter Neuschnee gefallen sind. Das Wetter ist in Kirgistan eben ziemlich unberechenbar.

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Am Morgen erwartet uns eine Winterlandschaft

Und es wechselt auch rasch. Wir lassen den Schnee hinter uns und fahren gegen Osten. Am späteren Nachmittag kommen wir, nun wieder bei sehr angenehmen Temperaturen, am Issyk-Kul an. Er ist der grösste See Kirgistans: gut 180 Kilometer lang und 60 Kilometer breit – zehnmal so gross wie der Bodensee, der zweitgrösste Bergsee der Welt hinter dem Titicaca-See.

Der Issyk-Kul gefriert selbst im Winter nicht, obschon die Lufttemperaturen bis auf -20 Grad fallen können. Zu Sowjetzeiten testete das Militär im See Torpedos. Unser Nachtlager befindet sich am Südufer des Issyk-Kul, in Bokonbaevo. Es handelt sich um ein sehr schön gelegenes Jurten-Camp.

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Jurten-Camp in Bokonbaevo

In Bokonbaevo treffen wir einen Adlerjäger. Wie viele Menschen heute noch diese Tradition pflegen, ist nicht bekannt. Man schätzt, dass nur noch wenige Nomaden in Kirgistan, Kasachstan und China mit dem Steinadler jagen. In Kirgistan soll es noch etwa zwanzig Adlerjäger geben. Sie richten die Adler so ab, dass sie mit ihnen auf die Jagd gehen können. Dabei entwenden sie die Tiere entweder als Jungvögel aus dem Nest oder sie nehmen sie in jungen Jahren gefangen. Bis zum Alter von etwa 15 Jahren bleiben die Vögel bei den Adlerjägern, danach kommen sie wieder in Freiheit. So soll die Population von freilebenden Adlern erhalten bleiben.

Das Wissen über die jahrhundertealte Jagdtechnik wird innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Wir lernen Ruslan kennen und seinen Vater Kubatbek. Sie pflegen die Tradition heute noch. Auf die Jagd gehen sie nur im Winter, darum haben sie nun, im Frühling, Zeit für eine kleine Demonstration. Ruslan steht mit dem Adler, er heisst Karachin, auf einem Hügel, sein Vater setzt unten in der Ebene ein Kaninchen auf den Boden, dann fliegt der Adler los und packt das Kaninchen. Die Jäger locken schliesslich den Adler vom Kaninchen weg – mit ein wenig frischem Fleisch.

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Ruslan und sein Adler Karachin

Genau so funktioniert auch die richtige Jagd. Der Adler fangen vor allem Füchse, aber auch Wölfe. Sobald sie diese ergriffen habe, werden die Adler weggelockt, damit sie das wertvolle Fell der Beutetiere nicht zerstören. Wir dürfen nach der Demonstration den mächtigen Vogel kurz auf dem Arm halten. Eindrücklich, dieses wunderschöne Tier von Nahem zu sehen und sein Gewicht von mehr als 5 Kilos zu spüren.

Nach einem tollen Abend am Ufer des Issyk-Kul geht es für uns weiter – ostwärts dem See entlang. Wir kommen in Tamga vorbei. Das ist ein kleines Nest. In den 1960er-Jahren lebte hier aber einer der damals bekanntesten Menschen der Welt. Der sowjetische Raumfahrer Juri Gagarin, der erste Mensch im All, erholte sich in der kirgischen Provinz von seinem Weltraumabenteuer. Die ehemalige Militäranlage, wo er untergebracht war, ist bei russischen Touristen immer noch sehr beliebt, obschon es kaum mehr etwas zu sehen gibt. Einzig in einem nahegelegenen Tal gibt es noch eine Büste des Kosmonauten.

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Was für ein schönes Tier

Am späten Vormittag erreichen wir schliesslich Karakol, eine Stadt mit knapp 70’000 Einwohnern. Sie ist der Ausgangspunkt für zahlreiche Trekkings ins Tianshan-Gebirge. Genau deshalb sind auch wir in der Stadt. Wir haben eine Wanderung an den idyllischen Bergsee Ala-Kul geplant, der nur zu Fuss über eine mehrtätige Wanderung erreichbar ist. Um zu starten, fahren wir zunächst in ein Seitental. Vorbei an einem Sessellift. Karakol ist eine der bekanntesten Skistationen in Zentralasien. Bei einer Brücke treffen wir, wie verabredet, unsere Begleiter für die nächsten Tage. Einen Bergführer und zwei junge Burschen, die unsere Verpflegung und unser Zelt tragen. Da wir auf 4000 Meter aufsteigen, sind wir froh, dass wir nicht alles selber mitschleppen müssen. Unsere Rucksäcke sind schwer genug und die dünne Luft macht jede Bewegung anstrengend.

Wir wandern zunächst einem Fluss entlang durch das Karakol-Tal. Es ist beeindruckend, wie rasch wir die Zivilisation hinter uns lassen und einsam die Landschaft durchstreifen. Nach etwa vier Stunden erreichen wir die nächste Brücke, überqueren den Fluss, dann beginnt ein steiler Aufstieg durch bezaubernde Nadelwälder. Am Nachmittag haben wir unser Zwischenziel erreicht. Eine einfache Holzhütte, die gebaut wurde als Unterstand für Berggänger, die sich jedoch nicht dazu eignet, um darin unser Nachtlager aufzuschlagen. Sie ist ziemlich heruntergekommen, daher ist das Zelt die bessere Option. Unsere Begleiter kochen das Abendessen, dann beginnt es, heftig zu regnen. Wir verkriechen uns in unsere Zelte. Eingehüllt in warme Kleider, weil die Temperaturen nur noch knapp über dem Nullpunkt sind.

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Unterwegs im Karakol-Tal

Am anderen Morgen sieht die Welt für uns leider unfreundlich aus. Wir haben Magenprobleme und wahrscheinlich Fieber, nicht zum ersten Mal auf unserer Reise. Wir wissen, dass der heutige Tag einen Aufstieg auf 4000 Meter beinhaltet. Wir wissen auch, dass in den höheren Lagen noch Schnee liegt und neuer Schnee über Nacht dazugekommen ist. Und dass uns die Tagesetappe auch ohne gesundheitliche Probleme und Neuschnee alles abverlangen würde. Daher sagt uns die Vernunft, dass wir die Wanderung abbrechen sollten. Das tun wir dann auch. Enorm frustrierend ist das zwar, weil der Ala-Kul-See einer der Höhepunkte unserer Zentralasien-Reise hätte werden sollen, aber es ist der richtige Entscheid. Schon nur der Abstieg zurück nach Karakal bringt uns an unsere körperlichen Grenzen.

An diesem Tag merken wir wieder einmal, welches Glückslos wir mit unserem Fahrer Ivan gezogen haben. Er hätte eigentlich einen freien Tag, da wir ja unterwegs sein sollten. Als wir ihn anrufen, organisiert er uns jedoch sogleich eine Unterkunft, steigt in sein Auto und holt uns ab. Das Guesthouse ist ein Volltreffer. Wir bekommen eine gute Mahlzeit serviert und legen uns ins Bett, um uns möglichst rasch zu erholen. Tatsächlich geht es uns tags darauf wieder einigermassen gut.

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Holzkirche von Karakol

Wir haben nun – unerwartet – einen ganzen Tag Zeit, Karakol zu erkundigen. Wir besuchen zunächst eine russisch-orthodoxe Holzkirche, die im 19. Jahrhundert gebaut wurde. Unter den Sowjets, die es nicht so mit der Religion hatten, diente sie als Tanzsaal, während des 2. Weltkriegs auch als Schule. Heute wird sie wieder für Gottesdienste benutzt. Ebenfalls komplett aus Holz und ohne einen einzigen Nagel gebaut ist die Dungan-Moschee. Sie wurde von chinesischen Muslimen errichtet, den Dunganen, die Ende des 19. Jahrhunderts in ihrer Heimat verfolgt wurden und nach Zentralasien flüchteten. In Karakol leben die Dunganen heute als kleine Minderheit. Die chinesischen Wurzeln sieht man der Moschee an, da sich beim Bauwerk auch Motive aus dem Buddhismus finden.

Weil Gotteshäuser zu besuchen hungrig macht, gehen wir ins Fat Cat. Dabei handelt es sich um ein Café mit einer bemerkenswerten Besitzerin. Zhamilia heisst sie und nimmt an unserem Tisch Platz, um sich vorzustellen. Die junge Frau absolvierte in Deutschland ihr Master-Studium. Ihr gefiel es dort, vor allem beeindruckte sie, „dass die Menschen in Deutschland soziale Verantwortung übernehmen, zueinander schauen“, wie sie erzählt. In Europa zu bleiben, war für sie jedoch keine Option. Sie wollte lieber in ihrer Heimat selber soziale Verantwortung übernehmen. Im August 2016 gründete Zhamilia ihr Café. Das Konzept: Sie bietet Speis und Trank an, der in Kirgistan normalerweise nicht serviert wird: guten Kaffee, Cheesecakes und Toasts.

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Riesenrad in Karakol

Mit dem Erlös des Cafés und mit Hilfe von Spenden hilft Zhamilia unter anderem Kindern aus der Umgebung, damit diese zur Schule gehen können. Sie erzählt uns von einer Nomaden-Familie mit vier Kindern. Bislang war es in dieser Familie so: Zwei Kinder gingen vormittags zur Schule, zwei Kinder nachmittags. Die Familie konnte es sich nicht leisten, alle vier Kinder ganztags zur Schule zu gehen. Der Grund: Es fehlte das Geld, um allen vier Kindern Schulmaterial zu kaufen. So mussten sich immer je zwei Kinder die Bleistifte und Schulhefte teilen. „Bei dieser Familie konnten mir mit wenig Mitteln viel erreichen: Wir haben ihr Schulmaterial zur Verfügung gestellt und seither gehen alle vier Kinder ganztags zur Schule.“ Eine weitere Herzensangelegenheit ist Zhamilia die Stärkung von Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben. Ihnen bringt sie das Backen bei, damit sie bei ihr arbeiten können und Selbstvertrauen zurückgewinnen.

Wir verabschieden uns schliesslich von der Frau, die uns mit ihrem Tatendrang beeindruckt, und schliessen den Tag ab mit einem Besuch des Vergnügungsparks. Uns ist schon in anderen Städten Zentralasiens aufgefallen, dass ein Park mit einem Riesenrad und meistens auch irgendwelchen Militärdenkmälern zum Standard gehört. Diese Rummelplätze stammen allesamt noch aus der Sowjetzeit. Das Riesenrad ist rund 40 Jahre alt. Wir gönnen uns eine Fahrt und stellen glücklicherweise erst beim Aussteigen fest, dass die Stahlseile, mit denen das Riesenrad angetrieben wird, ziemlich lädiert aussehen.

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Unterwegs nach Kasachstan begegnet uns eine Schafherde

Am kommenden Tag packen wir unsere Siebensachen. Unsere Kirgistan-Reise ist zu Ende. Unser Fahrer Ivan soll uns nach Kasachstan bringen, in die ehemalige Hauptstadt Almaty. Wir überqueren die Grenze im Nordosten Kirgistans, beim Übergang Kegen. Wir sind dort wieder einmal – so wie schon an anderen Grenzübergängen – die einzigen Touristen weit und breit. Unser russisch sprechender Fahrer ist Gold wert, er kann uns bei den Grenzformalitäten helfen. Der Grenzübertritt dauert rund eine Stunde. Wir müssen das ganze Auto ausräumen und jedes Gepäckstück durch einen Scanner schicken. Die kasachischen Grenzbeamten sind jedoch nett und versuchen, sich mit uns zu unterhalten. Irgendwann finden sie heraus, dass wir aus Basel kommen. Das Gesicht des einen Grenzbeamten hellt sich auf, er sagt: „Basel? Champions League!“. Was uns zeigt, was für ein wunderbarer Werbeträger der FC Basel für unsere Heimatstadt ist. So kennt man sie sogar in der kasachischen Provinz.

Auf dem Weg nach Almaty besuchen wir schliesslich noch den Charyn-Canyon. Er wurde durch den Charyn-Fluss in die Landschaft geschnitten. Die Gesteinsschichten sind bis zu 12 Millionen Jahre alt. Der Canyon erreicht an gewissen Stellen eine Tiefe von bis 300 Metern. Aufgrund der Felsformationen und dem roten Gestein erinnert die Szenerie ein wenig an den Grand-Canyon – ohne dessen Grösse zu erreichen.

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Charyn-Canyon

In Almaty endet unsere Zentralasien-Reise schliesslich, die uns über Turkmenistan, Usbekistan, mit einem Zwischenhalt in der kasachischen Hauptstadt Astana, durch Kirgistan geführt hat. Almaty, unsere letzte Station, ist eine überraschend hübsche Stadt. Umgeben von Bergen mit europäischem Flair. Wir fahren auf den Hausberg, den Kok-Tobe, geniessen den Ausblick auf die Stadt und schwelgen in den Erinnerungen an die vergangenen drei Wochen.

Fotos: Andreas Beglinger

Retortenstadt und Spielplatz für Architekten

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Im Zentrum des Bildes und im Zentrum der Stadt: der Präsidentenpalast

An Nursultan Nasarbajew, dem ersten und immer noch amtierenden Präsidenten von Kasachstan scheiden sich die Geister. Die einen sehen in ihm einen weiteren autokratischen und korrupten Staatschef, der sich an den Bodenschätzen seines Landes bereichert, andere hingegen loben ihn als Vater des kasachischen Wirtschaftswunders, dem es gelungen ist, sein Land wirtschaftlich sowohl nach Osten als auch Westen zu öffnen und auf der internationalen Bühne zu platzieren.

Ausdruck dieses wirtschaftlichen Aufschwungs ist die neue Hauptstadt Astana. Auf Beschluss von Nasarbajew wurde 1997 der Regierungssitz von Almaty, im Süden des Landes, in die Mitte der kasachischen Steppe verlegt. Also von einem pulsierenden, charmanten Ort ins Niemandsland, wo die Temperaturen zwischen minus 40 Grad im Winter und plus 40 Grad im Sommer schwanken. Finanziert durch Milliarden aus den Öl- und Erdgasgeschäften ist hier aus der ehemaligen Provinzstadt während des postsowjetischen Turbokapitalismus innert zwei Jahrzehnten ein Spielplatz für Architekten entstanden.

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Astana besticht durch spektakuläre Architektur (rechts die Zentrale Konzerthalle)

Für uns Grund genug, nach unserem Usbekistan-Besuch und vor der Weiterreise nach Kirgistan einen kurzen Stopp einzulegen. Unser Flugzeug landet nachts um drei Uhr. Anders als zuhause gibt es hier kein Nachtflugverbot. Der Flughafen ist rund um die Uhr in Betrieb. Die Einreise ist deutlich weniger kompliziert als bei unseren vorherigen Destinationen in Zentralasien. Dort regierte die Bürokratie. In Kasachstan dagegen können Schweizer visumsfrei einreisen. Dem Zöllner am Flughafen ist dies zwar nicht bekannt. Zunächst fragt er mich, ob mein Pass echt sei. Als ich dies bejahe, will er mein Visum sehen. Ich erkläre ihm, dass ich keines benötige – und rechne schon damit, dass nun längere Diskussionen folgen könnten. Der Zöllner schaut mich aber bloss kurz an und sagt dann achselzuckend: „Also gut, willkommen in Kasachstan.“

Nicht nur die unkomplizierte Einreise zeigt uns, dass Astana – untypisch für Zentralasien – auf ein internationales Publikum ausgerichtet ist. Um vom Flughafen ins Zentrum zu gelangen, können wir hier bequem via Uber ein Auto bestellen. Der Weg in die Stadt ist einfach: Wir fahren auf einer schnurgraden Strasse, vorbei am Gelände der Weltausstellung, die kurz nach unserem Besuch in Astana stattfindet. International sind leider auch die Preise der vielen modernen Hotels. Wegen der bevorstehenden Expo sind die Zimmer knapp und wir müssen etwas tiefer als erhofft in die Tasche greifen, um hier übernachten zu können.

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Khan Shatyr

Am kommenden Tag besichtigen wir die Stadt. Wir beginnen beim Khan Shatyr. Dabei handelt es sich um ein grosses Gebäude in der Gestalt eines transparentes Zeltes. Der britische Stararchitekt Norman Foster, bekannt für das Swiss-Re-Gebäude (The Gherkin) in London, hat dieses Zelt entworfen. Die Eröffnungsfeier des Khan Shatyr wurde 2010 anlässlich des 70. Geburtstages des kasachischen Präsidenten begangen, zahlreiche Staatschefs anderer Länder reisten eigens dafür nach Astana. Die Feier allein kostete 10 Millionen Dollar, das Gebäude 260 Millionen Dollar.

Das Zelt dient als Shopping Center, es gibt aber auch ein Kino und unter dem Dach befindet sich ein Aquapark. Wir steuern den Starbucks an, weil wir nach zwei Wochen in Zentralasien Lust auf einen passablen Kaffee haben. Derzeit liegt der Khan Shatyr noch am Stadtrand Astanas. Geplant ist jedoch, dass er sich irgendwann im Zentrum befindet, dass also die Stadt um ihn herum noch mächtig wächst. Wenn man sieht, wie Astana in den vergangenen Jahren geboomt hat, ist das zweifellos ein realistisches Szenario. Heute hat die Stadt knapp 900’000 Einwohner, bis 2030 sollen es 1,4 Millionen sein.

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Grosse Parks, wuchtige Architektur.

Das Gebäude ist typisch für Astana. Hier gibt es atemberaubende Architektur, wohin das Auge reicht. Fast alle grossen Gebäude wurden erst nach 1998 gebaut, als Astana zur Hauptstadt wurde. Finanziert ist die Architektur vom Reichtum Kasachstans an Bodenschätzen, an Öl und Erdgas. Astana soll, so der Wille der Staatsführung, zur Vorzeigestadt werden, der man den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes ansieht. Der Brite Norman Foster konnte sich nicht nur beim Khan Shatyr verwirklichen. Er baute am anderen Ende der Stadt auch den Palast des Friedens und der Eintracht – eine 77 Meter hohe Pyramide, die auf einem kleinen Hügel steht und die verschiedenen Religionen der Welt symbolisieren soll.

Das Wahrzeichen Astanas ist jedoch der Bajterek-Turm. Er ist 105 Meter gross und wurde vom kasachischen Architekten Akmurza Rustembekov entworfen. Er symbolisiert einen Lebensbaum. Einer Sage nach legte der legendäre Vogel Samruk ein Ei in die Baumkrone. Das Gebäude sieht denn auch aus wie ein Baum mit einem Ei an der Spitze. Die Einheimischen, die den Turm besuchen, lassen sich in die gläserne Kuppel des Turms hinauffahren, um dort ihre Hand in den vergoldeten Relief-Abdruck der Hand von Präsident Nasarbajew zu legen. Das soll Glück bringen.

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Palast des Friedens und der Eintracht

Auch wenn die Architektur überwältigend ist und die Entwicklung der Stadt einem Respekt abverlangt, eines ist für uns unverständlich. Dass nicht auch gleichzeitig ein Netz des Öffentlichen Verkehrs gebaut wurde. Es gibt weder eine Metro, noch ein Tramnetz. Lediglich Stadtbusse verkehren. Die Stadt Astana setzt ausschliesslich auf benzinbetriebenen Autoverkehr. Das ist sonderbar für eine Stadt, die unmittelbar nach unserem Besuch die Weltausstellung beherbergt, deren Motto lautet: „Future Energy“. In Sachen Verkehr dünkt uns, dass Astana eher die Vergangenheit verköpert.

Uns fällt zudem auf, dass auch die funkelnden Gebäude nicht besonders nachhaltig gebaut sind. Der Khan Shatyr, das Einkaufszentrum von Norman Foster, wirkt von Nahem betrachtet schon erstaunlich heruntergekommen. Wobei das extreme Klima in Astana sicher seinen Teil dazu beiträgt.

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Bajterek-Turm

Bevor wir weiterreisen nach Kirgistan, wo wir zehn Tage lang vor allem in Jurten übernachten und uns von Hammelfleisch ernähren werden, gönnen wir uns noch ein westliches Abendessen. Wir gehen in ein Pub, in dem vornehmlich Expats essen. Viele Expats. Ein Zeichen dafür, wie sehr diese Stadt brummt und Leute aus aller Welt anzieht, die im oder mit dem Öl- und Gasstaat Geschäfte machen wollen.

Text: Patrick Künzle. Fotos: Andreas Beglinger.

Ein Fischerdorf in der Wüste und eine polierte Märchenstadt

Unsere Reise nach Usbekistan beginnt an einem Zaun. Wir reisen über Turkmenistan ein. Über einen Grenzübergang, den kaum jemand benutzt. An diesem Tag sehen wir jedenfalls sonst niemanden. Wir haben die turkmenische Grenzkontrolle passiert. Danach führt die Strasse einige hundert Meter über ein Niemandsland, bis wir eben an den erwähnten Grenzzaun kommen. Dort befindet sich zunächst niemand. Da es kurz nach 12 Uhr ist, vermuten wir, dass die usbekischen Grenzbeamten Mittagspause machen. Nach einiger Zeit nähert sich ein junger Mann in Uniform. Er schaut sich unsere Pässe an, öffnet das Tor des Zauns und schickt uns in ein grosses Zollgebäude. Dort ist zunächst auch wieder niemand. Wir warten etwa eine Viertelstunde, füllen schon mal die zwei Einreiseformulare aus, dann nähert sich ein mässig gelaunter Beamter.

Der Mann interessiert sich für unser Gepäck, unser Bargeld, unsere Notfall-Medikamente. Alles möchte er sich ansehen. Besonders intensiv begutachtet er aber eines unserer Smartphones. Er will den Code wissen, um es zu entsperren. Wir geben ihm das Verlangte. Offiziell kontrolliert er, ob wir das Zollgebäude fotografiert haben, das ist nämlich strengstens verboten. Was ihn aber viel mehr interessiert, sind private Fotos. Eines nach dem anderen sieht er sich an und fragt: Wer ist das? Und wo seid ihr hier unterwegs? In diesem Stil geht es zehn Minuten weiter. Wir werden den Verdacht nicht los, dass hier kaum je ein Tourist die Grenze überquert und der Zöllner die Gelegenheit auskosten möchte, Fotos aus einer für ihn exotischen Welt anzugucken. Wir lassen dieses merkwürdige Prozedere über uns ergehen, ohne zu protestieren. Schliesslich sind wir darauf angewiesen, dass er uns passieren lässt. Zurück nach Turkmenistan können wir nicht mehr, da unsere Visa abgelaufen sind.

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Unterwegs an den Aralsee.

Nach etwa einer Stunde verliert der Zöllner dann allmählich das Interesse an unserem Gepäck und unseren Mobiltelefonen, stempelt unsere Pässe und lässt uns passieren. Wir marschieren wieder ein paar Meter durch die brütende Hitze, bis wir zum nächsten Zaun kommen. Dort begrüsst uns der gleiche Beamte, der uns bereits den ersten Zaun öffnete. Selbstverständlich prüft auch er nochmals – wie bereits eine Stunde zuvor – unsere Pässe und schaut, ob die zwei Menschen, die vor ihm stehen, immer noch die gleichen sind wie auf den Passfotos.

Dann sind wir in Usbekistan. Mit 30 Millionen Einwohnern ist es das am dichtesten besiedelte Land Zentralasiens. Auf seinem Territorium befinden sich die berühmten, historischen Stätten der Seidenstrasse: Samarkand, Bukhara und Khiva. Wir fahren zunächst aber in die in der Nähe des Grenzübergangs gelegene Stadt Nukus. Hier leben gut 200’000 Menschen. Es ist die Hauptstadt von Karakalpakstan, einst eine der ärmsten Regionen der Sowjetunion, heute liegt die Provinz ganz im Westen Usbekistans. Nukus ist der Ausgangspunkt für Reisen an den Aralsee. Die Stadt selber ist unspektakulär. Sie besteht vor allem aus gesichtslosen Bauten aus der Sowjetzeit. Eine Perle aber hat Nukus zu bieten. Ein Kunstmuseum von Weltrang, das man hier in der Provinz wahrlich nicht vermuten würde.

Der russische Maler, Archäologe und Sammler Igor Sawitzki (1915 bis 1984) gründete das Museum und wählte dafür bewusst einen Fleck im Sowjetreich aus, der nicht zentral liegt. Er sammelte viele Arbeiten russischer Avantgardemaler, deren Kunst in der Sowjetunion geächtet war. Er brachte deren Werke in Sicherheit und in der usbekischen Provinz liess man ihn mehr oder weniger in Ruhe. Kamen Kontrolleure vom Staat vorbei, die sein Treiben beobachten wollten, dann hängte er halt einfach ein paar heikle Kunstwerke ab und ersetzte sie durch andere.

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Am Aralsee.

Tags darauf verfrachten wir unsere Rucksäcke in einen Geländewagen. Unser Ziel ist der Aralsee. Respektive das, was von ihm noch übrig geblieben ist. Der Aralsee war bis vor 50 Jahren das viertgrösste Binnengewässer der Welt. Er bedeckte eine Fläche von 67’000 Quadratkilometern – das ist ein Drittel grösser als die gesamte Schweiz. Heute ist nur noch eine Restfläche von zwei kleineren Seen übrig. Wir wollen uns erzählen lassen, was hier passiert ist und es uns anschauen. Ohne ortskundigen und routinierten Fahrer ist eine solche Fahrt an den Aralsee kaum möglich, daher haben wir bei Tazabay Uteuliev, einem lokalen Veranstalter, eine zweitägige Privattour gebucht.

Es ist ein anstrengender, aber lohnenswerter Ausflug. Ein Ausflug auch, der sehr nachdenklich macht. Die Fahrt bis zum Wasser dauert mehr als 400 Kilometer, weitgehend querfeldein ohne Strassen und führt unter anderem über das eindrückliche Ustjurt-Plateau, eine wüstenartige Hochebene. Gegen Abend erreichen wir den Aralsee. Der Salzgehalt im Wasser ist dermassen hoch, dass man sich zum Baden in ihn legen kann und dabei nicht untergeht. Allzu lange sollte man jedoch nicht drinnen bleiben, weil es im Wasser viele Schadstoffe gibt.

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Jurte am Aralsee.

Wir übernachten in einer Jurte, die auf einer Klippe oberhalb des Aralsees liegt. Sie wurde unlängst eröffnet und ist Ausdruck eines zart aufkeimenden Tourismus in dieser Gegend. Zum Ziel für die Massen wird der Aralsee jedoch ganz sicher nicht. Interessant ist der Ausflug für Menschen, die sich mit dem Schicksal des Sees auseinandersetzen wollen und sich selber ein Bild davon machen wollen, was die Menschen der Natur antun können. Denn, das was wir hier zu sehen bekommen, bezeichnete UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon bei einem Besuch im Frühling 2010 als eine der „schockierendsten Katastrophen unseres Planeten.“ Drastisch vor Augen geführt wird uns dies am zweiten Tag unseres Trips. Wir fahren durch eine riesige Wüste. Doch wir merken rasch: Das war gar nicht immer eine Wüste. Davon zeugen unzählige Muschelschalen, die am Boden liegen. Wir fahren auf dem früheren Seebett. Heute kann man es sich kaum mehr vorstellen, dass hier einst Wassermassen waren.

Aber wie kam es denn nun zu dieser Umweltkatastrophe? Der Aralsee, der an der Grenze von Usbekistan zu Kasachstan liegt, wurde über Jahrtausende hinweg von zwei grossen Flüssen gespeist, dem Amu Darja und dem Syr Darja. Sie waren eigentliche Lebensadern für die ganze Region. Das änderte sich, als Josef Stalin an die Macht kam. Er beschloss, die zentralasiatischen Sowjetrepubliken in riesige Baumwollplantagen zu verwandeln. Weil die Region für den Anbau jedoch zu trocken war, wurden unzählige Bewässerungskanäle gebaut, um das Wasser der Flüsse in die Wüste umzuleiten. Mit fatalen Folgen: In den frühen 80er-Jahren war der Zustrom zum Aralsee völlig versiegt. Um den Nordteil des Sees, der auf kasachischem Boden liegt, zu retten, wurde danach zwar ein Damm gebaut. Dort stieg der Wasserpegel wieder ein wenig. Dafür erhält der usbekische Teil des Aralsees noch weniger Wasser und schrumpft weiter.

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Das ehemalige Bett des Aralsees.

Nichts kann die Katastrophe besser illustrieren als ein Besuch in Muynak. Die Stadt war einst eines der wichtigsten Fischfangzentren der Sowjetunion, heute ist sie mehr als 100 Kilometer vom Aralsee entfernt. Die Fischerei war lange Zeit die Hauptbeschäftigung der Menschen in der Aralregion. Die Konservenfabrik der Stadt produzierte noch Ende der 50er-Jahre mehr als 20 Millionen Fischdosen pro Jahr. Dann sank der Wasserspiegel. Die Sowjetführung registrierte dies zwar, offiziell hiess es aber, das müsse man in Kauf nehmen – und habe auch einen positiven Effekt: So gebe es neues Land für die Baumwolle.

Spätestens in den 80er-Jahren war klar, dass die Fischerei in Muynak am Ende ist. Um nicht schliessen zu müssen, importierte die Konservenfabrik nun Fisch von der Ostsee und dem Pazifik. Die fertigen Dosen wurden dann wieder an den Pazifik zurückgeschickt. Logisch, dass dieses Geschäftsmodell nicht wirtschaftlich sein konnte. 1990 wurde die Fabrik in Muynak geschlossen.

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Im Ortsschild von Muynak befindet sich ein Fisch – als Zeuge der Vergangenheit.

Wir fahren auf unserem Ausflug an der Geisterfabrik vorbei. Sie ist sinnbildlich fürs Schicksal der Stadt, die auch einen grossen Teil ihrer Bevölkerung verloren hat. Ein Museum hält die Erinnerung an die Zeiten als Fischerstadt wach. Zwar ist das Museum nicht auf internationale Besucher ausgerichtet, alles ist auf Russisch angeschrieben. Die ausgestellten Fotos sind aber eindrücklich – gerade als Gegensatz zum heutigen Muynak. Statt dem einst geschäftigen Treiben überwiegt heute auf den Strassen die Leere. Begleitet von staubigem, salzigem Wind, der zahlreiche Pestizide aus der Landwirtschaft enthält. Was zur Folge hat, dass Speiseröhrenkrebs in der Gegend 25-mal häufiger vorkommt als im Weltdurchschnitt.

Am Stadtrand besuchen wir noch einen Schiffsfriedhof. Die Schiffe, die einst täglich hinaus auf den Aralsee fuhren, liegen heute verrostet im Sand. Als stumme Zeugen der Vergangenheit. So wie auch das Ortsschild, das einen Fisch enthält.

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Der Schiffsfriedhof von Muynak.

Uns stellt sich bei diesem beklemmenden Besuch die Frage, wie es mit dieser Gegend weitergeht? Das Wasser, so viel steht fest, kehrt nicht zurück. Zumal aus den Fehlern der Vergangenheit auch nicht gelernt worden ist und immer noch Baumwolle angepflanzt wird. Hoffnung macht der Bevölkerung, dass Gas gefunden wurde im ehemaligen See. Derzeit beginnen Investoren mit dessen Förderung. Wir fahren an den Bohrtürmen vorbei. Vor allem chinesische Geldgeber engagieren sich hier. Allerdings steckt alles noch in den Kinderschuhen. Das zeigt sich daran, dass die Förderstätten derzeit nur über eine Rumpelpiste erreichbar sind, die auch wir befahren. Normalerweise führt das Engagement Chinas nämlich dazu, dass kräftig in die Infrastruktur investiert wird. Sprich: neue Strassen gebaut werden. Im usbekischen Westen ist dies (noch) nicht der Fall.

Wir tauschen nach zwei Tagen unseren Geländewagen gegen ein normales Taxi ein – und fahren in drei Stunden vom deprimierenden Aralsee an einen Ort, der besser ist fürs Gemüt: nach Khiva. Das ist eine zauberhafte Oasenstadt im Nordwesten Usbekistans. Khiva war bereits im 10. Jahrhundert eine bedeutende Handelsstadt. Mehrere Male wurde sie zerstört, aber immer wieder aufgebaut. Sie wurde unter anderem von Dschingis Khan eingenommen.

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Khiva.

Beeindruckend an der Stadt ist, dass die Sehenswürdigkeiten auf engstem Raum innerhalb der historischen Stadtmauern zu finden sind. Die Altstadt ist wie ein Freilichtmuseum mit zahlreichen Moscheen, Koranschulen und Mausoleen. Ein Klischeebild wie entsprungen aus Tausendundeiner Nacht. Wir kaufen uns ein Ticket, das uns den Zugang zu allen Sehenswürdigkeiten erlaubt. Dies lohnt sich. Zu den markantesten orientalischen Bauwerken gehören die Mauern der Kunya-Ark-Festung, auf denen sich ein Spaziergang lohnt, der Palast Tasch-Hauli sowie die Minarette Islam Hodscha und Kalta Minor. Letzteres sollte eigentlich mal das höchste Minarett der Welt werden. Doch die Arbeiten wurden nie vollendet, so dass es bei 26 Metern blieb.

Uns gefällt die entspannte Atmosphäre in Khiva. Das Städtchen ist nicht überlaufen – und versprüht mehr Atmosphäre als andere historische Orte in Usbekistan. So viel sei schon mal vorweggenommen. Schön sind die vielen Begegnungen mit Kindern. Sie umringen uns und wollen meistens nur etwas: Von uns fotografiert werden. Augenscheinlich sind wir als Individualtouristen eine Attraktion und weil wir – anders als fast alle anderen Besucher – nicht in einer grossen Gruppe unterwegs sind, trauen sich die Kinder auch, auf uns zuzukommen.

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Stadtmauer von Khiva.

Wir verlassen Khiva am frühen Morgen und begeben uns auf eine anstrengende Fahrt mit dem Auto quer durch die Kysylkum-Wüste. Wir haben dafür einen Taxifahrer organisiert. Wahrscheinlich wäre dies gar nicht nötig gewesen. In Usbekistan stellen wir nämlich fest, dass man im Land auch problemlos per Autostopp unterwegs sein kann. Hand raus – und schon hält ein Auto. Allerdings wird man nicht umsonst mitgenommen, sondern es wird erwartet, dass man sich an den Kosten für die Fahrt beteiligt. Also einen Beitrag leistet ans Gas, mit dem die meisten Autos in diesem gasreichen Land unterwegs sind. Während unserer Fahrt lesen wir in unseren Reiseführern, denn die vorbeiziehende Landschaft bietet kaum Abwechslung, aber es führt kein anderer Weg zu unserem nächsten Ziel als diese schier endlos bis zum Horizont verlaufende Wüstenpiste. Nach über sechs Stunden sind wir endlich da – Bukhara.

Dort erschwischt uns die Seuche. Der Magen spielt verrückt, wir haben uns eine Lebensmittelvergiftung eingefangen und liegen flach. Wir verbringen fast die ganzen zwei Tage in Bukhara im Bett. Zwischendurch schleppen wir uns immer wieder mal raus auf die Strasse, weil es ja nicht sein kann, dass wir nichts von diesem grossartigen Ort mitnehmen. Bei Temperaturen um 35 Grad und Fieber ist das jedoch ziemlich anstrengend.

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Silk-and-Spices-Festival in Bukhara.

Dabei präsentiert sich Bukhara von seiner schönsten Seite. Es findet gerade das Silk-and-Spices-Festival statt. Ein Folklore-Fest, das jährlich über die Bühne geht und an die Vergangenheit erinnert, als Bukhara ein wichtiges Handelszentrum an der Seidenstrasse war. Es gibt Umzüge mit vielen Menschen in farbigen Kostümen und teilweise mit Masken, was uns ein wenig an die Fasnacht erinnert. Es wird Musik gemacht, die Kampfschulen zeigen, was die Kinder bei ihnen gelernt haben, ganz Bukhara ist auf den Beinen und lässt es sich an den zahlreichen Verpflegungsständen gutgehen.

Bukhara ist eine eindrückliche Stadt. Es gibt viele Moscheen, Schreine und Koranschulen, die wunderbar erhalten sind. 140 mittelalterliche Bauwerke sollen es sein. Eines der Wahrzeichen ist das Kalyan-Minarett, das im 12. Jahrhundert gebaut wurde. Zu jener Zeit war es das höchste Minarett in Zentralasien. Es war quasi ein Leuchtturm, der den reisenden Karawanen und Pilgern den Weg nach Bukhara wies.

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Blick von der Zitadelle auf Bukhara.

Eindrücklich ist auch der Ark. Das ist eine Zitadelle, die den lokalen Herrschern jahrhundertelang als Residenz diente. Sie liegt auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel. Daher hat man von der Mauer der Zitadelle einen schönen Blick über die ganze Stadt. Eigentlich ist der Zugang zur Mauer verboten. Doch es ist allgemein bekannt, dass die Polizisten, die diesen Zugang bewachen, für ein bisschen Geld das Tor öffnen. Bei uns funktioniert dies jedenfalls problemlos. Genauso problemlos, wie man übrigens Dollar auf dem Schwarzmarkt gegen die einheimische Währung, den Som, wechseln kann. Obwohl dies verboten ist, schauen die Polizisten auch dort weg. Der Wechselkurs ist um ein Mehrfaches besser als bei den Banken.

Besonders gefällt uns in Bukhara der Chor Minor, ein Gebäude mit vier Türmen, die alle eine blaue Kuppel haben. Es gehörte ursprünglich zu einem grösseren Komplex, der Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Übrig geblieben ist dann aber eben nur noch dieses Torgebäude. Architektonisch ist es aussergewöhnlich für Zentralasien und erinnert eher an Indien. Darum hebt es sich von den anderen historischen, zumeist wesentlich älteren Gebäude der Stadt ab.

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Chor Minor.

In Bukhara wollen wir den Zug nehmen. Der Bahnhof liegt hier, wie fast überall in dieser Gegend, weit ausserhalb des Stadtzentrums, so dass wir zunächst ein Taxi nehmen müssen. Unser Ziel: Samarkand, die nächste Stadt auf der Seidenstrasse.

Wir haben Tickets der günstigsten Kategorie. Als wir am Bahnhof ankommen, umschwärmen uns jedoch sogleich Mitarbeiter der Bahn, die uns offerieren, dass wir für einen Aufpreis ein eigenes Abteil erhalten. Wir willigen ein und können uns ausstrecken auf einer Art Bett. Zudem erhalten wir frischen Tee serviert. Herrlich und definitiv die bessere Art, uns fortzubewegen als auf der Strasse. Der Zug ist schneller als das Auto, weil die Strassen mit unzähligen Schlaglöchern zumeist in einem erbärmlichen Zustand sind.

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Der Zug von Bukhara nach Samarkand.

Samarkand – nur schon der Name verspricht Magie. Keine andere Stadt in Zentralasien hat die Menschen seit Jahrhunderten ähnlich stark fasziniert wie Samarkand. Auch für die junge Nation Usbekistan hat die Stadt eine grosse Bedeutung. Samarkand ist die Stadt, die geprägt wurde von Timur Tamerlan, einem mongolischen Herrscher, der im 14. Jahrhundert mit kriegerischer Gewalt ein Riesenreich aufbaute von Zentralasien bis an den Persischen Golf und nach Indien. Timur ist der Nationalheld Usbekistans. Wobei Timur diesen Status erst mit der Unabhängigkeit des Landes erhielt. Nach dem Fall der Sowjetunion versuchten die neuen Nationen, sich auf Heldenfiguren zu einigen, die Identifikation schaffen sollen. Bei Timur scheint dies zu klappen. Unser Fahrer jedenfalls zeigt uns als Erstes mit Stolz das grosse Denkmal des Kriegers.

Timur war aber nicht nur Krieger, sondern auch Kunstliebhaber. Samarkand ist das Ergebnis davon. Aus allen Himmelsrichtungen holte der Herrscher Kunsthandwerker und Architekten in seine Hauptstadt. Sie lieferten ihr Meisterstück ab mit einem der beeindruckendsten Plätze der Welt: dem Registan. Von ihm haben wir schon viel gehört und gelesen. Gleich drei riesige Medressen, also Koranschulen, umgeben diesen Platz. Faszinierend sind die türkisfarbenen Kuppeln, die grossen Minarette und die gewaltigen Eingangsportale. Die erste Fassade baute Timurs Grossenkel Ulughbek im 15. Jahrhundert. 200 Jahre später wurden dann die zwei anderen Medressen gebaut. Zahlreiche Erdbeben haben den Minaretten zwar etwas zugesetzt, die Anlage wurde aber von den Sowjets und auch von den Usbeken immer wieder restauriert.

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Registan in Samarkand.

In Samarkand wurde viel Geld in die Restauration und den Wiederaufbau historischer Stätten investiert, aber auch in die allgemeine touristische Infrastruktur rund um Registan. Dies geht ein wenig auf Kosten der Authentizität. Gerade, wenn wir es mit den historischen Stätten im Iran vergleichen. Während sich beispielsweise in der iranischen Stadt Isfahan der grosse Platz und die historischen Gebäude natürlich ins Stadtbild einfügen und die Menschen dort ihre Freizeit verbringen, ist der Registan völlig von der Stadt abgetrennt. Den Platz darf nur betreten, wer ein Eintrittsticket kauft. Das führt dazu, dass er teilweise leblos wirkt. Als wir uns an den Rand des Platzes setzen, um hier den Sonnenuntergang zu geniessen, schicken uns strenge Polizisten weg. Das hat aber auch sein Gutes: Wir nehmen ein paar Meter entfernt auf einer Art Treppe Platz, um den Platz von dort aus zu fotografieren. Hier befinden sich viele Studenten. Immer wieder suchen die jungen Leute das Gespräch mit uns, um ihre Englischkenntnisse zu testen. Wir erfahren dabei, wie viele unterschiedliche Landsleute in Samarkand leben: Usbeken, Kasachen und vor allem Tadschiken. Letztere stellen die klare Mehrheit der Stadtbevölkerung, was uns aufzeigt, wie willkürlich die Landesgrenzen gezogen wurden.

Gezogen wurden diese Grenzen übrigens nicht mit dem Ende der Sowjetunion, sondern wesentlich früher: Stalin ist dafür verantwortlich. 1924 bestimmte er die Grenzen der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Das, was heute Tadschikistan ist, gehörte damals noch zum Gebiet der Republik, wurde einige Jahre später jedoch ausgegliedert. Dafür kam in den 60er-Jahren ein Teil Kasachstans hinzu. Nach dem Fall der Sowjetunion wurden die Grenzen dann nicht mehr angetastet.

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Registan im Tageslicht.

Etwas steril wirkt auch die Umgebung des Registans. Dort hat man in den vergangenen Jahren eine Fussgängerzone gebaut, auf denen die Touristen mit Golf-Wagen umherkutschiert werden. Die meisten Geschäfte am Rand der Strasse sind auf Touristen ausgerichtet, aber menschenleer. Die Altstadt Samarkands wäre eigentlich gar nicht weit von hier entfernt. Doch man hat eine Mauer um sie herum gebaut, weil man sie offenbar nicht für vorzeigbar hält. Die Touristen sollen sie nicht zu Gesicht bekommen. Wir müssen einen ziemlichen Umweg auf uns nehmen, um durch ihre Gassen streifen zu können.

Dabei es interessant, die verschiedenen Gesichter der Stadt zu sehen. Hier das polierte touristische Zentrum, dort die nicht besonders ansehnliche, dafür aber authentische Altstadt. Und dann gibt es noch das moderne Samarkand mit der typischen Sowjet-Architektur. Dies ist der lebendigste Stadtteil. Fast alle Restaurants der Stadt befinden sich hier und man sieht viele junge Menschen auf der Strasse.

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Frühstück im Garten des Antica-Guesthouse.

Genau in der Mitte zwischen dem alten und dem sowjetische Stadtteil, also ideal gelegen, befindet sich unsere Unterkunft: Das Antica-Guesthouse. Die Schwestern, die es führen, leben bereits in der sechsten Generation in diesem Haus. Wir freuen uns über den verwilderten Garten, in dem wir unser Frühstück geniessen. Die Betreiber des Guesthouses erleben derzeit jedoch schwierige Zeiten – und Schuld daran sind die Gewohnheiten der Reisenden aus dem Westen. Früher hätten die Touristen noch Lonely-Planet-Reiseführer oder Internet-Seiten wie Tripadvisor gelesen und dann aufgrund der guten Kritiken bei ihnen ein Zimmer gebucht, erzählt Guesthouse-Betreiberin Diyora. Heute würden die Touristen fast nur noch Unterkünfte buchen, die bei booking.com aufgeführt sind. Wer dort nicht mitmache, so wie das Antica, für den laufe das Geschäft schlecht.

Umso beliebter bei Besuchern ist dagegen die letzte Sehenswürdigkeit, die wir in Samarkand besuchen: die Grabstätte Shah-i-Zinda. Sie ist eine der bekanntesten Nekropolen Zentralasiens und hat für die Usbeken bis heute eine tiefe spirituelle Bedeutung. Das zeigt sich an den Heerscharen von einheimischen Pilgern und Touristen. Zahlreiche Mausoleen, Tempel und andere Gebäude gibt es zu bestaunen, die ältesten stammen aus dem 11. Jahrhundert. Alle sind sie einer Treppe entlang aufgereiht. Es ist ein wunderbarer Schaukasten orientalischer Künste.

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Shah-i-Zinda.

In Samarkand nehmen wir dann erneut den Zug – und sind verblüfft. Der Afrosiyob ist nämlich ein moderner Hochgeschwindigkeitszug, der in Spanien hergestellt wurde und bis zu 250 Kilometer pro Stunde fährt. Für die knapp 350 Kilometer bis in die usbekische Hauptstadt benötigt der Zug nur rund zwei Stunden. Beeindruckend ist auch der Service in den Wagons. Uns wird wie im Flugzeug ein Menü serviert.

Tashkent ist mit über zwei Millionen Einwohnern nicht nur die grösste Stadt des Landes, sondern auch Zentralasiens. Sie wirkt auf den ersten Blick sehr modern und von der langen Geschichte ist kaum etwas zu sehen. Vielmehr prägen mehrspurige Strassen, monumentale Gebäude und grosse Parks die weitläufige Stadt. Grössere Sehenswürdigkeiten bietet Taschkent denn auch nicht. Aus diesem Grund schlendern wir einfach ein wenig durch die Stadt. Wir haben ohnehin nur einen Tag hier eingeplant. Wir besuchen den Chorsu-Basar mit seiner blau-grünen Kuppelhalle und schauen dem Markttreiben zu. Zudem gönnen wir uns hier das erste westliche Essen in Zentralasien. Nach zehn Tagen, in denen wir meist Hammelfleisch vorgesetzt erhielten, schmecken die Pasta köstlich.

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Farbenfrohes Angebot auf dem Basar.

In der Stadt fahren wir vor allem mit der U-Bahn, der einzigen Untergrund-Bahn in Zentralasien. Die Bahn wurde in den 70er-Jahren gebaut – wenige Jahre, nachdem ein Erdbeben grosse Teile der Stadt zerstört hatte und sie verfügt über Stationen mit grosszügigen Gewölben und schönen Deckenlampen. Vorbild war die Moskauer U-Bahn, das sieht man den Stationen an. Die meisten von ihnen sind mit Marmor verkleidet. Leider wütet auch hier die Bürokratie. Ausländer werden alle kontrolliert, wenn sie eine Station betreten wollen. Wir müssen unsere Ausweise zeigen und unsere Taschen öffnen, während die Einheimischen unbehelligt passieren können. Fotografieren ist hier verboten. Der Grund: Die U-Bahn kann in einen Atomschutzbunker umfunktioniert werden und gilt daher als militärische Anlage.

Wir verlassen schliesslich Taschkent – und fliegen über Kasachstan nach Kirgistan. Was bleibt uns von Usbekistan? Wir haben ein Land erlebt mit einem unglaublichen Reichtum an Kulturgütern, an wunderschönen Bauwerken. Gleichzeitig haben wir einen Polizeistaat kennengelernt. Usbekistan ist aber auch ein offenes Land. Ein Land mit vielen netten Menschen, die sich über Besucher aus dem Westen freuen, sich mit ihnen unterhalten und Fotos machen wollen. Ein muslimisches Land, in dem der Islam sehr liberal ausgelegt wird. Verschleierte Frauen sahen wir nicht auf der Strasse. Die Frauen sind sehr modisch und lieben kräftige Farben, Strass und Glitzer und tragen höchstens ein lose gebundenes Kopftuch.

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Frauen in Samarkand.

Die säkulare Haltung, die von der Regierung vorgegeben wird, hat in der Vergangenheit leider auch zu vereinzelten terroristischen Anschlägen von Islamisten geführt. Usbekistan gilt aber als relativ stabiles Land. Es ist definitiv eine Reise wert. So wie auch unsere nächste Destination. Deshalb gilt: Fortsetzung folgt.

Text: Patrick Künzle. Fotos: Andreas Beglinger.

Von Riesenrädern und Gaskratern

Der Weg nach Turkmenistan führt über einen Papierkrieg. Es ist umständlich, ein Visum zu erhalten. Auch wenn wir nur drei Tage im Land verbringen wollen. Wir lassen uns helfen von Ismat, der in Usbekistan als Reiseführer sein Geld verdient und den wir von der Schweiz aus kontaktiert haben. Er stellt für uns den Antrag fürs Visum, wir liefern ihm die nötigen Dokumente. Das Problem ist: Es sind immer wieder neue Dokumente gefragt. Regelmässig meldet sich Ismat, zunehmend selber von der Bürokratie genervt, mit den Wünschen der turkmenischen Behörden.

So werden wir aufgefordert, eine Kopie unseres Universitäts-Abschlusszeugnisses nach Turkmenistan zu schicken inklusive Anschrift und Telefonnummer der Hochschule. Mit am meisten Stress verbunden ist der Wunsch, eine Bestätigung des Arbeitgebers über meine Berufstätigkeit abzuliefern. Für mich ist das heikel, weil ich bei einem Medienunternehmen arbeite und Journalisten in Turkmenistan nicht gerne gesehen sind. Also bitte ich meinen Arbeitgeber, meinen tatsächlichen Beruf auf dieser Bestätigung diskret zu verschweigen. Das macht er auch, aber: Auf der Bestätigung meines Arbeitgebers steht, dass ich bei SRF arbeite. Also hoffe ich, dass kein turkmenischer Beamter auf die Idee kommt nachzusehen, um was für ein Unternehmen es sich bei diesem SRF handelt: Schweizer Radio und Fernsehen. Ich habe Glück: Nach ein paar Wochen schickt uns unser Reiseveranstalter ein Dokument mit der Bestätigung, dass wir ein Visum erhalten, wenn wir uns am entsprechenden Schalter am Flughafen melden.

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Blick über Ashgabat

Wir fliegen mit Lufthansa von Frankfurt über Baku (Aserbaidschan) nach Ashgabat, in die Hauptstadt Turkmenistans. Fast alle Fluggäste steigen in Baku aus. Nur noch etwa 30 Leute verteilen sich auf unser Flugzeug und wollen nach Turkmenistan weiterreisen. Das beinahe leere Flugzeug zeigt uns, dass ein spezielles Land auf uns wartet.

Die ehemalige Sowjetrepublik, neben Afghanistan und Iran gelegen, wird seit dem Untergang der UdSSR autoritär regiert. Zunächst von Saparmyrat Nyyazow. Er war der letzte Chef der Kommunistischen Partei, als Turkmenistan noch eine Sowjetrepublik war. Nach der Wende nannte er sich dann plötzlich Turkmenbashi, das bedeutet: Führer der Turkmenen. Er liess sich auf Lebenszeit wählen und verwandelte das Land in einen der seltsamsten Staaten der Welt. Selber sonnte er sich in einem Personenkult nordkoreanischen Ausmasses. Er übernahm die Kontrolle der gesamten Gesellschaft und wurde zum Alleinherrscher. An Stelle der kommunistischen Ideologie trat nationalistische Propaganda.

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Statue von Turkmenbashi auf dem Neutralitätsdenkmal.

Saparmyrat Nyyazow sah sich als Philosoph und Lehrer des turkmenischen Volkes. Er veröffentlichte die Ruhnama, ein Buch mit seinen Lebensregeln und -weisheiten. Ein wirres Werk, das aber in Turkmenistan behandelt wurde wie das heilige Buch einer Religion. Die Ruhnama war Pflichtstoff in der Schule und bei Führerscheinprüfungen. Zu diesem bizarren Personenkult gehörten auch zahlreiche Statuen, die überall in der Hauptstadt aufgestellt wurden. Und zahlreiche Ortschaften wurden nach Turkmenbashi benannt. Wobei dies seine Tücken hatte: Kleinere Ortschaften wurden wieder zurückbenannt, da die inflationäre Verwendung des Ortsnamens Turkmenbashi zu Verwirrungen geführt hatte. Vor gut zehn Jahren starb Turkmenbashi schliesslich. Seit seinem Tod reagiert nun sein Zahnarzt und Gesundheitsminister, Gurbanguly Berdimuhamedow. Er pflegt den Personenkult etwas zurückhaltender, führt das Land aber immer noch diktatorisch.

Der Flughafen in Ashgabat bietet uns einen Vorgeschmack auf das, was uns in den kommenden Tagen erwartet. Er ist ganz neu, wurde erst 2016 fertig gestellt. Der Flughafen hat die Kapazität, 1600 Passagiere in der Stunde abzufertigen. Als wir ankommen, kurz vor Mitternacht, befinden sich jedoch mehr Flughafenangestellte in der Ankunftshalle als Passagiere. Der Flughafen verfügt über modernste Technologie bei der Passkontrolle: Alles ist vollautomatisch. Der Pass wird gescannt, danach das Gesicht elektronisch abgetastet, die Fingerabdrücke genommen, ehe sich die Schranken für die Einreise öffnen. Das ändert jedoch nichts daran, dass wir vor dieser automatischen Passkontrolle zunächst von Schalter A zu Schalter B und wieder zurück zu Schalter A geschickt werden, um unser Visum abzuholen. Und nach der automatischen Kontrolle nimmt ein Beamter unsere Pässe nochmals genau unter die Lupe, um sie dann von Hand abzustempeln. Schliesslich müssen wir die Pässe noch mehrmals zeigen, um überhaupt das Flughafengebäude verlassen zu dürfen.

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Statuen rund ums Unabhängigkeitsdenkmal.

In Ashgabat werden wir erwartet von Ishan. Er fährt uns mit seinem Auto in unser Hotel. Ishan ist unser Begleiter während der kommenden drei Tage. In Turkmenistan dürfen sich nur jene Touristen, die ein Transitvisum haben, frei bewegen. Da die Transitvisa aber nach einem willkürlichen System vergeben werden, haben wir uns für ein Touristenvisum entschieden. Das bedeutet, dass wir uns begleiten lassen müssen von einem Reiseführer, der für einen der offiziellen Reiseveranstalter des Landes arbeitet. Ishan ist etwa 35, er erzählt uns, er habe früher als Beamter gearbeitet. Der Büroalltag habe ihm jedoch nicht gefallen, darum sei er nun Reiseführer.

Wer sich vor der Reise schlau macht über Turkmenistan, der stösst früher oder später auf Berichte, in denen die Arbeit dieser offiziellen Reiseführer beschrieben wird. Dort ist die Rede davon, dass diese Reiseführer den Behörden jeden Schritt der Touristen rapportieren, dass sie ihnen dreimal am Tag telefonisch einen Lagebericht abgeben. Es ist auch die Rede davon, dass Geheimdienstmitarbeiter den Touristen folgen und sie beobachten. Kann sein, dass das auch bei uns der Fall ist. Wir merken jedoch nichts davon. Ishan holt uns nach unserer ersten Nacht in Turkmenistan in unserem palastartigen Hotel ab, fährt dann mit unseren Reisepässen zu den städtischen Behörden, um unsere Pässe registrieren zu lassen (wieder so eine bürokratische Schikane) und sagt uns: Erkundet doch in den kommenden zwei Stunden die Innenstadt Ashgabats auf eigene Faust.

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In den Parks sieht man bloss Frauen am Saubermachen.

Wir merken rasch: Diese Innenstadt ist anders. Anders als jede andere Stadt, die wir je gesehen haben. Sie besteht ausschliesslich aus weissen Marmorbauten, Denkmälern, vierspurigen Strassen und Parks. Wir erkundigen die grosse Grünanlage, die an den Präsidentenpalast grenzt. Wobei wir um den Palast einen grossen Bogen machen sollen, um Ärger zu vermeiden, wie uns Ishan noch auf den Weg gegeben hat. Das Gebäude zu fotografieren, ist nämlich strengstens verboten. Wir halten einen Höflichkeitsabstand zum Palast ein und spazieren durch den Park. Wir sind die einzigen Besucher, die einzigen Menschen, die sich hier nicht in offizieller Funktion aufhalten. Ansonsten sehen wir nur unzählige Wachmänner und Reinigungspersonal. Diese wegen der Hitze vermummten Frauen haben die bedauernswerte Aufgabe, einen ohnehin bereits sehr sauberen Park zu säubern. Sie polieren sogar die Verkehrsschilder der angrenzenden Strasse.

Warum ist die Innenstadt menschenleer, wo sind die ganz normalen Turkmeninnen und Turkmenen? Wir wissen es nicht. Vielleicht weiss es Ishan, unser Reiseführer. Diese Frage bekomme er immer wieder von Touristen gestellt, erzählt er. Die Antwort sei einfach: Turkmenistan habe nicht besonders viele Einwohner, darum sehe man sie in der Innenstadt halt auch nicht. Eine Antwort, die uns nur mässig überzeugt. Immerhin leben in Ashgabat mehr Menschen als in jeder Schweizer Stadt. Und dort sind die Innenstädte sogar an einem Dienstag morgens um vier Uhr noch voller als hier. Ausserdem stehen in Ashgabat ja auch unzählige protzige Marmorhäuser, alle in den vergangenen Jahren neu erstellt – sind sie denn alle menschenleer, bloss nette Fassaden? Fragen, auf die wir keine Antwort erhalten. Zumindest nicht von unserem Reiseführer.

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Breite, moderne Strassen, aber kaum Autos.

Allmählich wird uns bewusst, in was für einer Stadt wir hier gelandet sind. Das ist tatsächlich ein Potemkinsches Dorf. Die „Berliner Zeitung“ bezeichnete Ashgabat in einem Artikel treffend als „Attrappe eines modernen, luxuriösen, reichen Turkmenistans – so vollkommen, dass sie von der Wirklichkeit nicht zu unterscheiden wäre“. Eine Fassade wie jene, die Fürst Potemkin einst errichtet haben soll, bloss nicht aus Holz und Karton, sondern aus kühlem, echtem Marmor.

Ishan führt uns nun zu den Sehenswürdigkeiten am Rand der Stadt. Auch hier reiht sich eine Kuriosität an die nächste. Unsere liebste Seltsamkeit ist ein knapp 50 Meter grosses Riesenrad. Dieses habe Aufnahme gefunden ins Guinness-Buch der Rekorde, erzählt uns Ishan stolz. Es sei das grösste Indoor-Riesenrad der Welt. Ein Weltrekord, den Ashgabat wohl auch kaum jemand streitig macht. Denn Indoor-Riesenräder dünken uns jetzt mal so rein grundsätzlich nicht wahnsinnig sinnvoll. Die Aussicht durch die trüben Glasscheiben des Gebäudes ist jedenfalls – zurückhaltend formuliert – bescheiden. Wir können das beurteilen, weil die Riesenrad-Betreiber das Gerät eigens für uns in Gang setzen (auch hier sind wir die einzigen Besucher). Wir stellen fest: Die Kabinen des Riesenrads sind Made in Switzerland. Es sind Gondeln, die ansonsten in den Schweizer Bergen eingesetzt werden. Das Schild in der Riesenrad-Kabine weist uns denn auch darauf hin, dass es verboten ist, mit dem Skischuh die automatische Türe zu blockieren. Ob hier, in der Wüstenstadt, wohl jemand mit Skischuhen unterwegs ist?

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Das grösste Indoor-Riesenrad der Welt.

In die Reihe der vielen Merkwürdigkeiten in dieser Stadt passt auch das Neutralitätsdenkmal. Es war der Gipfel des Personenkults um den früheren Präsidenten Turkmenbashi. Er liess auf der Spitze des raketenförmen Denkmals eine Goldstatue von sich selbst erstellen, die sich fortlaufend nach der Sonne dreht. Sein Nachfolger hat das Denkmal mittlerweile aus dem Zentrum an den Stadtrand verbannt und die Statue dreht sich auch nicht mehr. Wobei dieser Stadtrand wohl demnächst gar kein Stadtrand mehr ist. Im Süden, dort wo sich die Statue befindet, wird nämlich immer noch fleissig gebaut. Neue Marmorgebäude entstehen. Solange, bis das natürliche Ende dieses Baubooms erreicht ist: die Kopet-Dag-Berge. Sie begrenzen die Stadt im Süden, hinter der Bergkette liegt der Iran.

Wir fahren danach an den nördlichen Stadtrand. Hier ist das alte Ashgabat. Wobei alt relativ ist. Die Stadt wurde 1948 von einem Erdbeben praktisch vollständig zerstört. Die meisten Gebäude wurden daher später gebaut. Hier, im Norden, findet sich typische Sowjet-Architektur. Plattenbauten. Hier gibt es dafür endlich normales Leben. Menschen, die einkaufen gehen. Kinder, die auf dem Trottoir spielen. Es verstärkt unseren Eindruck, dass das Stadtzentrum letztlich nur eine glitzernde Fassade ist, die in erster Linie den autoritären Herrschern und den wenigen ausländischen Besuchern gefallen soll, aber im Leben der Menschen in Ashgabat keine Rolle spielt.

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Ausserhalb Ashgabats gibt es keine Hochglanz-Häuser mehr.

Als wir schliesslich die Hauptstadt verlassen, merken wir, dass mit jedem zurückgelegten Kilometer die Strasse schlechter wird. In Downtown Ashgabat gab es vierspurige Strassen, die wie Teppiche waren. Nicht, dass es vierspurige Strassen gebraucht hätte – für den spärlichen Verkehr hätte auch eine Spur längstens gereicht. Aber die Strassen waren in einem beeindruckenden Zustand. Vor den Toren der Stadt reiht sich jedoch bald Schlagloch an Schlagloch. Und das nicht etwa auf irgendwelchen Nebenstrassen, sondern auf einer der wichtigsten Transitachsen des Landes.

Die turkmenische Regierung investiert eben nicht dort, wo die breite Bevölkerung davon profitiert. Sondern dort, wo sich die Führungscrew bewegt. Eine Tatsache, die sogar unser offizieller Reisebegleiter Ishan leise zu kritisieren wagt. Seine lapidare Erklärung dafür, dass die Infrastruktur in der Provinz verlottert, während in Ashgabat der Prunk regiert: „Unsere Politiker wohnen halt in Ashgabat.“

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Abendstimmung am Darvaza-Gaskrater.

Auf unserer Autofahrt fallen uns die vielen Gasleitungen am Strassenrand auf. Turkmenistan hat die viertgrössten Gasreserven der Welt. Weil das Land dermassen gesegnet ist mit diesem Rohstoff, wird dieser gratis an die Bevölkerung abgegeben – ebenso wie Strom und Wasser. Wobei der aktuelle Präsident diese Gratis-Abgabe derzeit gerade in Frage stellt.

Wir fahren Richtung Norden. Unser Ziel ist die Karakum-Wüste – etwa 270 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Turkmenistan ist ein Wüstenstaat, 80 Prozent seiner Fläche besteht aus Wüste. In der Karakum-Wüste befindet sich das „Tor zur Hölle“. Gemeint ist ein Krater, in dem seit mehr als 40 Jahren Flammen lodern. Das 60 Meter breite und 20 Meter tiefe Erdloch ist 1971 entstanden durch Bohrungen in einem riesigen Erdgasfeld. Als damals Gas ausströmte, beschloss man, dieses anzuzünden. Man nahm an, dass das Gas bald zu Ende sein und das Feuer erlöschen würde. Ein Irrtum.

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Netter Ort für einen Feierabend-Drink.

Da Turkmenistan eines der abgeschottetsten Länder der Welt ist und wir am Flughafen kaum Touristen gesehen haben, gehen wir davon aus, dass es nur ganz wenige Besucher gibt am Krater. Unser Reiseführer raubt uns jedoch diese Illusion. „An Spitzentagen kommen bis zu 200 Touristen zum Krater“, erzählt er. Es gebe Leute, die eigens für den Darvaza-Gaskrater nach Zentralasien fliegen. Diese Sehenswürdigkeit hat durch viele Fotos, die im sozialen Netzwerk Instagram gepostet wurden, internationale Bekanntheit erlangt.

Als wir beim Darvaza-Krater ankommen, sind jedoch bloss wenige Touristen dort. Erst im Verlaufe des Nachmittags kommen mehr und mehr Menschen. Wir staunen über den Anblick. Er ist wahrhaft atemberaubend. Der Krater ist nicht gesichert, man kann bis an dessen Rand treten. Und selber entscheiden, wie nahe man sich dem Feuer nähern möchte.

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Die einzige Möglichkeit, um in der Nähe des Kraters zu übernachten.

Was uns gefällt: Auch wenn mittlerweile offenbar immer mehr Touristen den Krater besuchen, so braucht es trotzdem weiterhin eine Portion Abenteuerlust dafür. Hotels gibt es nämlich weit und breit keine. Wer den Krater abends erleben möchte, wenn er besonders eindrucksvoll ist, der muss vor Ort im Zelt übernachten – und darf das wegen der giftigen Dämpfe nicht in unmittelbarer Nähe des Kraters tun.

Tags darauf stehen wir bereits um 6 Uhr auf. In der Dämmerung haben wir den Krater für uns ganz alleine. Ein ähnlich intensives Erlebnis wie unser Besuch des Erta-Ale-Vulkans in Äthiopien.

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Am frühen Morgen haben wir den Krater für uns alleine.

Danach fahren wir los – immer weiter Richtung Norden. Unser Ziel ist Konye-Urgench, ein Unesco-Weltkulturerbe. Zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert hatte die Stadt eine grosse Bedeutung als Handelszentrum. Sie wurde aber zweimal weitgehend zerstört – von den Mongolen um Dschingis Khan und später noch von Tamerlans Truppen. Im Gegensatz zu den historischen Städten im Nachbarland Usbekistan wurde Konye-Urgench danach nicht mehr wieder aufgebaut. Zu sehen gibt es heute Ruinen: ein Minarett aus dem 11. Jahrhundert, ein Mausoleum aus dem 12. Jahrhundert und weitere ähnlich alte Bauten.

Wir werden im Eiltempo durch diese Sehenswürdigkeiten geschleust, weil unser turkmenischer Reiseführer ganz offensichtlich das Gefühl hat, er habe seine Aufgabe, uns zu betreuen, allmählich erledigt. Vier Stunden früher als verabredet, setzt er uns an der Grenze zu Usbekistan ab. Das ist unser nächstes Reiseziel.

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Konye-Urgench.

Und hier schliesst sich der Kreis. Wir haben unsere Reise nach Turkmenistan mit einem bürokratischen Irrsinn begonnen und wir beenden sie ebenso. Unser Reiseführer begleitet uns nicht über die Grenze, dafür hat er keine Erlaubnis. Wir verlassen sein Auto an einem Gitterzaun. Dort am Tor müssen wir unsere Pässe zeigen, dann werden wir vorbeigewinkt. Dann heisst es, in der heissen Mittagssonne rund einen Kilometer mit unseren schweren Rucksäcken durch Niemandsland zu marschieren, um den turkmenischen Grenzposten zu erreichen.

Als wir dort ankommen, müssen wir wieder unzählige Formulare ausfüllen. Vor allem aber werden unsere Rucksäcke peinlich genau untersucht. Es erschliesst sich uns zwar nicht, warum die Zöller wissen wollen, welche Medikamente in unserer Reiseapotheke sind – denn wir verlassen das Land ja. Aber wir beschliessen, die ganze Prozedur freundlich lächelnd über uns ergehen zu lassen. Wir sind darauf angewiesen, das Land verlassen zu können, da unser Visum an diesem Tag abläuft.

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Mann in Konye-Urgench.

Nach einer Dreiviertelstunde erhalten wir die nötigen Stempel in unserem Pass und dürfen aus Turkmenistan ausreisen. Nur um festzustellen, dass im Nachbarland Usbekistan die Bürokratie ähnlich anstrengend ist. Aber davon schreibe ich erst im nächsten Reisebericht. Fortsetzung folgt.

Text: Patrick Künzle. Fotos: Andreas Beglinger.

Auf der Achse des Guten

Seid ihr wahnsinnig? Was wollt ihr dort? So lässt sich die durchschnittliche Reaktion zusammenfassen, die wir auf unsere Reisepläne in der Schweiz erhalten haben. Sofern die Leute hierzulande den Iran überhaupt vom Irak unterscheiden können, existiert das Land bei vielen bloss als Klischee. Verschleierte Frauen, grimmige Männer mit Bart. Und gehört der Iran nicht auch zur Achse des Bösen, die George W. Bush nach den Anschlägen aufs World Trade Center konstruiert hat?

Da fahren wir doch lieber auf der Achse des Guten. Es ist morgens um 8 Uhr in Teheran. Die Stadt erwacht nach zwei religiösen Feiertagen wieder zum Leben. Und wie. Die Strassen sind staugeplagt. Auf den Trottoirs zu gehen, macht keinen Spass. Zu viele Leute – zudem benutzen auch die vielen Motorräder gerne das Trottoir. Logisch, auf der Strasse ist ja kein Platz. Deshalb eben fahren wir auf der Achse des Guten. Wir nehmen die Metro.

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Metro in Teheran

Metrofahren ist ein Erlebnis. Die Bahnwagen sind fahrende Bazars. Alles wird verkauft. Waschmittel, Werkzeugkoffer, Reisetaschen. Und die Leute kaufen hier tatsächlich ein. Der Junge mit den Nähsets landet an diesem Morgen einen Grosserfolg bei den Passagieren – mit einem Sonderangebot, dem sich augenscheinlich kaum jemand entziehen kann.

Uns gefällt die Metro, weil sie nicht nur ein Bazar, sondern auch ein fahrender Laufsteg ist. Die Mode wechselt. Im Süden Teherans, in den eher konservativen Stadtvierteln, tragen die Frauen viel Stoff und wenig Farbe, und bei den Männern überwiegen graue Hemden. Je nördlicher, desto bunter wird es.

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Frau in einem Café in Yazd

Modebewusste junge Frauen tragen das Kopftuch luftig auf dem Hinterkopf, bei vielen jungen Männern fallen uns die Nasenpflaster auf. Teheran gilt als Welthauptstadt der Nose Jobs, der Schönheitsoperationen an der Nase. Das Nasenpflaster ist ein Statussymbol. Es soll sogar Leute geben, die mit dem Pflaster bloss vorgaukeln, dass sie sich ihre Nase verschönern liessen. So wie bei uns vor einem Vierteljahrhundert, als Mobiltelefone noch unerschwinglich waren, Leute mit Handy-Attrappen unterwegs waren.

Die Metro ist aber auch ein Ort der netten Begegnungen. Ein Mann, ungefähr 80, kommt zu uns und sagt bloss diesen einen Satz: „Es ist schön, Sie hier zu sehen.“ Etwas, das wir auf unserer Reise in ähnlicher Form immer wieder hören. Viele Leute freuen sich darüber, Touristen aus dem Westen zu erblicken. Nicht, weil wir Devisen ins Land bringen. Sie freuen sich primär darüber, dass wir uns ein eigenes Bild über den Iran machen wollen. „Wir wissen, dass der Iran im Westen einen miserablen Ruf hat“, sagen uns unzählige Einheimische. Umso grösser ist ihre Hoffnung, dass wir, die Besucher, ein anderes, ein differenzierteres Bild des Landes nach Hause nehmen.

Darband

Wer sich auf den Iran einlässt, der merkt tatsächlich rasch, dass das Land zwar sehr wohl ein autoritärer Gottesstaat ist mit strengen Vorschriften der Mullahs. Dass vor allem junge Menschen sich aber trotzdem die Freiheit herausnehmen, in diesem Staat ihre persönliche Freiheit zu suchen. Die Mullahs mögen es beispielsweise nicht, dass sich Leute in der Öffentlichkeit vergnügen. Ein eigentliches Nachtleben gibt es deshalb nicht. Doch im Norden Teherans finden wir an unseren zwei ersten Abenden in der Stadt zwei Orte, wo ähnlich viele junge Leute den Tag ausklingen lassen wie am Basler Rheinufer. Wo sie gemeinsam essen, trinken und Wasserpfeife rauchen.

Beispielweise in Darband, wo sich einem kleinen Fluss entlang Restaurant an Restaurant reiht. Oder auf der Tabiat-Brücke. Diese Fussgängerbrücke ist eine Food-Meile mit schicken Cafés, die auch in Basel als hip gelten würden. Eine junge iranische Architektin (ja, eine Frau) hat die Brücke entworfen. Vor drei Jahren wurde sie fertiggestellt und hat sich zu einem der beliebtesten Ausflugsziele entwickelt.

Tabiat-Brücke

Diese Vergnügungsmeilen duldet das Regime. Aber junge Iraner frönen auch anderen Lastern, die streng verboten sind. Auf unserem Heimweg, am ersten Abend, riecht es an einer dunklen Strassenecke süsslich nach Haschisch. Und tatsächlich bieten uns zwei junge Männer augenzwinkernd einen Zug von ihrer Zigarette an. Auch Alkohol wird uns immer wieder offeriert.

Wir lassen aber lieber die Finger davon und trinken wohl oder übel alkoholfreies Bier (das uns schon nach drei Tagen auf den Wecker geht). Konflikte mit den Behörden möchte man als Tourist ja dann doch lieber vermeiden. Zwei Tage sind wir in Teheran. Das reicht für unseren Geschmack. Die Stadt ist zwar interessant, aber auch ein Moloch mit zu viel Verkehr. Nur schon das Überqueren von Strassen ist ein übler Spiessrutenlauf.

Blick vom Milad-Tower

Also fahren wir zum Busbahnhof mit dem Ziel: immer südwärts. In unseren zwei Wochen in Iran stellen wir fest, dass zwar recht viele westliche Touristen mittlerweile das Land bereisen, aber fast alle in geführten Reisegruppen. Dabei ist es kinderleicht, individuell zu reisen. Eben: mit dem Bus. Kaum nähern wir uns dem Busbahnhof, eilt uns bereits ein Mann entgegen, der unser Ziel wissen möchte. Kashan. Er gibt uns zu verstehen, wir sollten uns beeilen, stoppt einen bereits fahrenden Bus und verfrachtet uns in dieses Gefährt.

Drei Stunden später sind wir schon am Ziel. Kashan, eine kleine Stadt, gespickt mit historischen Bauten: Moscheen, Badehäusern, Gärten und Anwesen mit schmucken Innenhöfen, die reiche Kaufleute im 18. und 19. Jahrhundert errichten liessen. Nach der Hektik von Teheran ist Kashan eine wohltuende Oase der Langsamkeit.

Kashan

Hier kaufen wir auch eine Karte für unser Mobiltelefon, um unterwegs im Internet surfen und uns Informationen über unsere nächsten Destinationen beschaffen zu können. Man vermutete ja, dass im autoritär regierten Iran das Internet scharf zensuriert wird. Stimmt nur teilweise. Instagram gehört zur Standardausrüstung auf den Handys junger Iraner. Und auch Facebook und Twitter lassen sich mit einem technischen Kniff benutzen.

Am nächsten Tag geht es weiter. Wir nehmen ein Taxi, das uns nach Isfahan bringen soll. Unterwegs begegnen uns seltsame Schilder. Sie besagen: Fotografieren verboten. Anhalten verboten. Und vermutlich noch ganz andere Dinge, die wir aber nicht entziffern können. Unser Taxifahrer gibt uns mit Handzeichen zu verstehen, dass die Schilder ernst gemeint seien und wir die Fotokamera unbedingt in der Tasche lassen sollten. Kurz darauf fahren wir an einer Fliegerabwehrrakete vorbei. Okay, wir haben es begriffen: Besucher sind hier nicht erwünscht. Es handelt sich um die Atomanlage in Natanz. Hier wird Uran angereichert, das unter anderem für atomare Waffen verwendet werden kann. Die Anlage war ein Prestigeprojekt von ex-Präsident Mahmud Ahmedinedschad. Dessen Atompläne stellten den Iran jahrelang international ins Abseits, die Sanktionen des Westens richteten grosse wirtschaftliche Schäden im Land an. Wir sehen vor unseren Augen also ein Stück Weltpolitik – nur fotografieren dürfen wir es nicht.

Apropos Welt. Ein persisches Sprichwort sagt über unsere nächste Destination: Isfahan ist die Hälfte der Welt. Das ist natürlich eine gnadenlose Übertreibung, aber die Stadt ist wunderschön. Wir verbringen Stunden auf dem Meidan-e Emam, dem Platz des Imams. Mit neun Hektaren ist er einer der grössten Plätze der Welt.

Meidan-e Emam

Und es ist der schönste Platz, den ich je gesehen habe. Seine Funktion als Festplatz, Spielfeld, Gerichtsort und Marktplatz hat ihn zum gesellschaftlichen und kulturellen Zentrum der Stadt gemacht. Jedes einzelne Gebäude entlang des Platzes ist eine Sehenswürdigkeit. Die Königsmoschee aus dem 16. Jahrhundert. Oder der Grosse Basar, der sich vom Nordende des Platzes durch die halbe Stadt bis zur Freitagsmoschee erstreckt. Beeindruckend ist aber auch, dass der Platz noch heute als Treffpunkt für Jung und Alt in Isfahan dient. Man trifft sich zum Eis oder Tee. Familien nehmen ihre Picknick-Körbe mit. Und alle geniessen das Wasserspiel der Springbrunnen. Immer wieder merke ich, wie dankbar ich bin, dass ich hier sein darf. Eine derartige Sehenswürdigkeit würde fast überall auf der Welt von Touristenmassen überrollt. Hier dagegen kann man die Wucht und Atmosphäre des Platzes noch geniessen – und sich eines dieser göttlichen Süssigkeiten gönnen, die unter den Arkaden verkauft werden: Gaz, weisses Nougat mit Pistazien aus der Gegend.

Wir verlieben uns in diese Stadt. Auch in die Brücken Isfahans. Sie führen über den Zayandeh-Fluss. Ihre doppelstöckigen Arkadengänge laden zum Flanieren ein. Vor allem abends kommen viele Einheimische hierher, um den Sonnenuntergang zu geniessen und sich später über die prachtvoll beleuchteten Brückenbögen zu freuen. Die Brücke mit ihren vielen dunklen Ecken unter den Arkaden ist für frisch Verliebte ein idealer Ort, um sich heimlich zu treffen.

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Brücke über den Zayandeh

Viele junge Iraner nutzen auf den Brücken die Gelegenheit, um mit Touristen ins Gespräch zu kommen. Der Austausch mit ihnen ist interessant. Die jungen Leute sind gespalten. Sie sind stolz auf ihr Land mit seiner alten Kultur und auf die Gastfreundschaft. Auf ihre obligate Frage, wie uns der Iran denn so gefalle, erwarten sie denn auch eine positive Antwort. Erstaunlich offen aber kritisieren sie auch ihre Regierung. Sie biete ihnen keine Perspektive, sie habe das Land international isoliert, die Wirtschaft sei am Boden. Immer wieder wollen Iraner von uns wissen, ob sie denn in Europa Asyl bekommen würden. Wobei wir feststellen, dass die Iraner genauso wenig über Europa wissen wie ein durchschnittlicher Europäer über den Iran. Mehdi, ein Ingenieur-Student, erzählt uns mit leuchtenden Augen: Die Schweiz sei sein Traumland, er habe immer schon mal in Skandinavien leben wollen.

In Isfahan gibt es auch Unerwartetes. Christliche Kirchenlieder mitten im muslimischen Gottesstaat. Wir besuchen den armenischen Stadtteil. Er entstand im 17. Jahrhundert, nachdem der Shah Armenien erobert und einen Teil der dortigen Bevölkerung in den Iran zwangsumgesiedelt hatte. In diesem Stadtteil gibt es christliche Kirchen. In einer dieser Kathedralen stimmt eine französische Reisegruppe ein Lied an. Ein berührender Moment, wobei ich mich nicht entscheiden kann, ob ich angenehm oder unangenehm berührt sein soll. Aussergewöhnlich ist es auf jeden Fall. In all den Kirchen, die ich schon auf der halben Welt besucht habe, hat jedenfalls noch nie eine Reisegruppe ein Kirchenlied angestimmt. Warum bloss hier?

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Kirche im armenischen Viertel von Isfahan

Wir verlassen Isfahan und fahren in die Wüste. In den kleinen Ort Fahrazeh. Dort gibt es eine Unterkunft, die der Lonely-Planet-Reiseführer in den höchsten Tönen anpreist. Als wir ankommen, sind wir zunächst etwas enttäuscht. Die Zimmer sind extrem schlicht, wir schlafen auf einer dünnen Matraze am Boden. Wir haben zudem schon spektakulärere Wüsten gesehen, etwa in Namibia.

Doch je später der Abend, desto euphorischer werden auch wir. Es ist wieder einmal die Gastfreundschaft, die uns so gefällt. Die Barandaz Lodge, unsere Unterkunft, ist ein Familien-Betrieb. Am Abend essen alle gemeinsam im Innenhof, Familie und Touristen. Und es ist das beste Essen, dass wir in unseren zwei Wochen im Iran geniessen dürfen. Denn diese Klammerbemerkung muss sein: Das Essen ist das einzige, das uns im Iran enttäuscht (dabei liebe ich doch die Gewürze und die Düfte des Landes). Gefühlte hundert Fleissspiesse werden uns in all den Restaurants vorgesetzt, gefühlte hundert trockene Fladenbrote gibts zum Frühstück. Hier, in der Wüste, gibt es dagegen Hausmannskost. Herrlich.

Barandaz Lodge

Nächste Station: Yazd. Umgeben von Wüste. Wieder ein Ort, der uns in seinen Bann zieht. Es sind nicht einzelne Sehenswürdigkeiten, die Yazd zum Erlebnis machen. Es ist die Atmosphäre. Wir lassen uns durch die engen Gassen der Stadt treiben und warten gespannt darauf, was uns alles so begegnet. Kinder, die uns Seifenblasen entgegenschicken. Frauen in schwarzen Umhängen (wir merken: je südlicher im Land, desto strenger die Kleidung). Kupferschmiede, denen man bei der Arbeit zusehen kann. Verkäufer, die McDonalds-Badeschlappen an den Mann bringen wollen (ob McDonalds wohl davon weiss?).

Hier finden wir auch unser liebstes Café: Auf dem Dach des Yazd Arthouse lassen wir unsere Abende ausklingen. Das ist darum so schön, weil Yazd von oben besonders interessant anzuschauen ist. In der Stadt gibt es nämlich Klimaanlagen, die gebaut wurden, bevor es Strom gab: die sogenannten Windtürme. Sie fangen den Wind ein und leiten die frische Luft in die Gebäude. Und weil es in der Oasenstadt Yazd häufig sehr warm ist, gibt es auch besonders viele Windtürme, die man betrachten kann.

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Yazd

Und immer weiter geht es in den Süden. Wir nehmen den Bus nach Kerman – und von dort das Taxi. Wir merken, dass wir uns der Grenze nach Pakistan nähern. Es gibt plötzlich Polizeikontrollen an der Strasse. Der Grund: Über die Grenze werden Drogen in den Iran geschmuggelt. Unser Ziel sind die Shadad Kalouts. Das sind Sandformationen in der Lut-Wüste. Tagsüber ist dort die Hitze selbst zu unserer Reisezeit, im Frühling, unerträglich. Die Temperaturen steigen bis auf 50 Grad.

Glücklicherweise hat unser Taxifahrer eine Klimaanlage im Auto. Wir timen die Fahrt so, dass wir kurz vor Sonnenuntergang in den Kalouts ankommen. Es ist atemberaubend. Wir sind buchstäblich im Nirgendwo. Etwa zehn andere Touristen haben sich mit uns hierher verirrt. Sonst sieht man hier niemanden. Je nach Stand der Sonne wechseln die Felsenformationen ihre Farben. Die aussergewöhnliche Landschaft sieht aus wie in einem Star-Wars-Film.

Kalouts in der Nähe von Kerman

Noch am Abend nach dem Wüstentrip nehmen wir den nächsten Bus, Richtung Shiraz. Mit dem Nachtbus können wir uns eine Übernachtung im Hotel sparen, denken wir uns. Nur erweist es sich als äusserst schwierig, im Bus zu schlafen. Neben uns sitzt eine Frau, die ganz offensichtlich den Weltrekord im Telefonieren aufstellen möchte. Drei Stunden ohne Punkt und Komma redet sie am Handy auf ihren Gesprächspartner ein. Kaum hat sie das Telefon dann doch noch beiseitegelegt, geht plötzlich das Licht an im Bus. Polizeikontrolle. Alle werden kontrolliert, nur wir nicht. Aber das war es dann endgültig mit der Aussicht auf ein wenig Schlaf.

In Shiraz lernen wir, dass der Glaube im Iran nicht einfach bloss staatlich verordnet ist, sondern äusserst lebendig. Wir besuchen die Schah-Tscheragh-Moschee. Hier versammeln sich abends Tausende von Gläubigen. Touristen dürfen nur in Begleitung eines Angestellten der Moschee ins Innere. Es ist eindrücklich zu sehen, was den Gläubigen der Besuch der Moschee bedeutet. Immer wieder berühren sie Gegenstände, die für sie eine spezielle Bedeutung haben. Am Ende unseres Rundgangs durch die Moschee führt uns unser offizieller Begleiter in einen Raum mit der Aufschrift „Foreign Affairs“. Hier werden wir zusammen mit anderen Touristen offiziell empfangen. Wir kommen uns vor wie Staatsgäste, erhalten Tee und Gebäck offeriert und werden nach unseren Herkunftsländern befragt. Nach dem Austausch von Höflichkeiten dürfen wir dann nochmals den gewaltigen Innenhof der Moschee geniessen. Ohne offizielle Begleitung nun, aber mit der klaren Anweisung, keine Fotos mehr zu schiessen.

Schah-Tscheragh-Moschee

Lebendig ist in Shiraz aber nicht nur der Glaube, lebendig ist auch die Verehrung der Dichtkunst. Hafez, der berühmteste Dichter Persiens, ist in einem Masoleum begraben. Der Ort ist eine Pilgerstätte. Es ist berührend zu sehen, wie die Leute mit den Gedichtbänden von Hafez hierher kommen, um den Dichter zu ehren. Obwohl: Die jungen Leute bevorzugen es, Handyfotos zu schiessen, um sie dann auf Instagram zu stellen.

Als letzter Höhepunkt wartet auf uns noch das antike Persepolis. Ein Ort mit einer ähnlichen Magie wie die Akropolis in Athen. Ein Ort, der uns nochmals vor Augen führt, dass wir es in Persien, im Iran, mit einer alten Kultur zu tun haben. Ein Ort, der uns auch nochmals erklärt, warum die Iraner so stolz sind auf ihre Geschichte.

Danach geht es für uns nach Hause. Am Flughafen von Shiraz bestellen wir uns einen Kaffee und staunen nicht schlecht, als wir die Rechung präsentiert erhalten. 20 Franken pro Kaffee. Wir protestieren. Der Verkäufer findet dagegen, der Preis sei okay, schliesslich hätten wir auch noch ein Stück Kuchen dazu erhalten (das wir allerdings nicht bestellt haben). Wir sind perplex. Warum? Weil es das erste Mal in zwei Wochen Iran ist, dass wir übers Ohr gehauen werden. Dass uns jemand abzocken könnte, so wie es einem als Tourist fast überall auf der Welt widerfährt, auf diesen Gedanken sind wir hier nie gekommen.

Persepolis

Das ist es auch, was uns noch weitaus stärker als all die wunderbaren Sehenswürdigkeiten Irans von der Reise bleibt. So viel Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft wie in Iran haben wir noch in keinem anderen Land erlebt.

Da war der Architekturstudent in Shiraz, der uns die Busfahrt bezahlte, weil der Busfahrer unsere grossen Banknoten nicht akzeptierte. Da war die junge Frau, die einen zehnminütigen Umweg in Kauf nahm, um uns einen schönen Innenhof zu zeigen. Da war der alte Mann in Isfahan, der unbedingt einen Schweizer Zweifränkler für seine Münzsammlung haben wollte und uns als Gegenleistung dafür eine Stadtführung anbot. Da war der Bäcker, der uns seine Köstlichkeiten gratis offerierte.

Kinder in Yazd

Der letzte Eindruck, den wir vom Iran mitnehmen, ist übrigens dieser: Kaum hat das Flugzeug in Shiraz abgehoben, entledigen sich fast alle Frauen im Flugzeug ihres Kopftuchs. Sie unterstreichen mit dieser Geste das, was uns unzählige Iranerinnen und Iraner in den vergangenen zwei Wochen als Botschaft auf den Weg gegeben haben: Liebe Leute aus dem Westen, verwechselt doch bitte nicht die Menschen im Iran mit dem Regime der Mullahs. Nicht alles, was uns das Regime befiehlt, finden wir gut.

Wir haben das kapiert.

Fotos: Andreas Beglinger

Der heisseste Ort der Welt

„Ich kann die westlichen Staaten beim besten Willen nicht verstehen.“ Desta, eine energische Frau um die Fünfzig, redet sich ein wenig in Rage. „Ich finde es unfair, dass diese Staaten von Reisen in unsere Wüste abraten.“

Desta, die mit einem Deutschen verheiratet ist, führt das Debre Amo Guest House in Mek’ele, einer Kleinstadt im Osten Äthiopiens. 220’000 Menschen leben hier. Tendenz steigend. Die Stadt boomt. Etliche Hotels befinden sich im Bau und zeugen vom Aufschwung der Stadt. Die Universität lockt viele junge Menschen an. Trotz der unvorteilhaften Reiseempfehlungen zieht aber auch der Wüsten-Tourismus massiv an. „Zu Recht, hier bekommen die Touristen wirklich etwas Einmaliges zu sehen“, findet Desta. Sie ist auch überzeugt, dass der Tourismus in den kommenden Jahren weiter zulegt, aus diesem Grund hat sie in Mek’ele ihr Guest House eröffnet.

Auch wir wollen in die Wüste. Genau gesagt: in die Danakil-Senke. Sie gilt als der heisseste Ort der Welt. Wortwörtlich. Vor allem aber ist die Danakil-Senke eine der geologisch aktivsten Regionen der Welt. Unser grosses Ziel, der Erta Ale, ist einer von nur sechs Vulkanen weltweit, in dessen Kegel sich ein aktiver Lavasee befindet. Fotos von diesem Vulkan haben wir schon viele gesehen, auch eine spektakuläre Dokumentation der BBC. Jetzt wollen wir uns aber selber ein Bild machen.

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Wir haben lange gezögert, hierher zu reisen. Eben wegen der unvorteilhaften Reiseempfehlungen. Auch die Schweiz rät zum Verzicht auf einen Wüstentrip. Der Grund, warum die Danakil-Senke als problematisch gilt: Im Januar 2012 wurden fünf europäische Touristen bei einem Überfall getötet, zwei Touristen wurden entführt und später wieder freigelassen. So richtig aufgeklärt wurde die Tat nie. Äthiopien vermutete, dass Rebellen aus dem nahegelegenen Eritrea über die Grenze gekommen seien. Eritrea dementierte.

Wir haben uns trotzdem für die Reise entschieden, weil mehrere ortskundige Leute uns versichert haben, dass Äthiopien seit dem Überfall die Grenze zu Eritrea peinlich genau kontrolliere. Und wir haben uns bei deutschen Reisebüros erkundigt, die Touren hierher anbieten. Auch sie hielten den Trip für unbedenklich. Ein gewisses Mass an Sicherheit sollen zudem die lokalen Reiseveranstalter garantieren. Touristen dürfen nämlich nur organisiert und in der Gruppe in die Danakil-Senke reisen. Jede Gruppe wird von bewaffneten Sicherheitsleuten begleitet. Das war allerdings schon beim Attentat so. Die Geländewagen fahren in Konvois. Falls ein Auto im Wüstensand stecken bleibt, können es die anderen Autos mit vereinten Kräften aus dem Dreck ziehen.

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Und so finden wir uns am Montagmorgen im Büro von Ethio Travel And Tours in Mek’ele ein. Es ist eine bunte Gruppe. 15 Touristen aus aller Welt. Wir teilen uns das Auto mit zwei Reisenden, die beide schon ewig unterwegs sind und die halbe Welt bereist haben. Alejandro aus Mexiko und Kazuyoshi aus Japan. Dagi, unser äthiopischer Fahrer, ist trotz seines noch jugendlichen Alters ein Wüstenfuchs. Unzählige Male sei er schon in die Danakil-Senke gefahren. Ihn selber langweilen diese Fahrten mittlerweile und er träumt von einem Leben als Reiseführer für deutschsprachige Touristen in Addis Ababa. Seine Zeit im Auto vertreibt er sich mit Discomusik aus den 70er-Jahren. Immer wieder denke ich während der Reise, wie bizarr es ist, mitten in der äthiopischen Wüste den alten Schweden von Abba zuzuhören, wie sie sich „A Man After Midnight“ wünschen.

Aber zurück an den Anfang unserer Reise. Wir fahren über eine Strasse, die für afrikanische Verhältnisse in einem unfassbar guten Zustand ist. Gebaut wurde sie nicht für die Menschen der Afar-Volksgruppe, die hier in der Gegend als Nomaden leben. Gebaut wurde sie auch nicht für Touristen. Chinesische Firmen haben Strassen in der Gegend erstellt, weil es einige Bodenschätze gibt. Vor allem Kali, das in verschiedenen Minen abgebaut wird. Und wo Bodenschätze sind, da sind in Afrika Firmen aus China, Europa oder Nordamerika nie weit. Kommt hinzu, dass via Strasse der Warentransport aus Äthiopien an den Hafen von Djibouti schneller möglich ist.

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Die Fahrt von der Studentenstadt Mek’ele hinunter in die Danakil-Senke ist die Fahrt in eine andere Welt und in eine andere Zeit. Die Dörfer der Afar-Nomaden haben kein fliessendes Wasser, Strom liefern einzig vereinzelte Generatoren. Viele der Hütten sind Holzkonstruktionen, die schnell ab- und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden können.

Die Menschen leben von der Viehzucht und vom Salzabbau, den sie in der Wüste vorantreiben. Sie profitieren teilweise von der Entwicklungshilfe von internationalen Organisationen. Und sie leben von Subventionen des äthiopischen Staates selber, der die Nomaden jedoch dazu ermuntern möchte, sesshaft zu werden. Die Lebensbedingungen sind hart. Die Danakil-Ebene liegt unter dem Meeresspiegel, die Temperaturen sind kaum auszuhalten. Bald zeigt das Thermometer 50 Grad Celsius. Zum Glück ist unser Auto klimatisiert. Die Afar aber, sie müssen diese Hitze täglich aushalten.

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Immer wieder begegnen wir diesen Nomaden auf unserem Weg zum Vulkan. Links und rechts vom Auto hüpfen Kinder in den Fussballtrikots von Manchester United und dem FC Barcelona barfuss über die glühend heissen Steine. Die letzten Kilometer zum Vulkan führen über eine fürchterliche Rumpelpiste. Unser Fahrer bezeichnet sie als „schlechteste Strasse der Welt“. Wobei Strasse nicht das passende Wort ist.

Es ist pickelhartes, vulkanisches Gestein, über das sich unser Geländewagen nur im Zeitlupentempo bewegen kann. Zu Fuss wären wir schneller als im Auto. Aber angesichts der höllischen Temperaturen ist dies für uns keine Option.

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Am späten Nachmittag erreichen wir schliesslich eine Ansammlung von etwa zehn Hütten. Unser Basislager. Von hier aus besteigen wir den Vulkan. Eigentlich ist der Aufstieg ja ein Kinderspiel. Der Krater liegt auf lediglich 613 Metern über Meer. Wären da nicht die Temperaturen. Wir müssen warten, bis die Sonne untergeht, weil die Wanderung in der Hitze mörderisch wäre. Dann montieren wir unsere Stirnlampen und marschieren los. Auf halben Weg zum Gipfel dringt allmählich ein schwefeliger Geruch in unsere Nasen. Wir riechen, dass dies kein gewöhnlicher Berg ist. Der Nachthimmel ist zart rot gefärbt – je näher wir dem Gipfel kommen, desto roter wird er.

Dann haben wir es geschafft. Der Anblick ist umwerfend. Unbeschreiblich. Das gewaltigste Naturschauspiel, das ich je gesehen habe. Graue Lavaschollen werden von riesigen Kräften hinuntergezogen. Immer wieder schiessen glühende Lavafontänen in die Luft. Es ist, als ob wir am Tor zur Hölle stehen. Die Einheimischen sind überzeugt, dass hier der Teufel wohnt. Ein durchaus nachvollziehbarer Aberglaube.

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Auch für uns ist beim Erta Ale eine gehörige Portion Nervenkitzel inbegriffen. Stünde dieser Vulkan irgendwo in Europa, dann würden uns Verbotsschilder weit weg vom Kraterrand halten. Hier gibt es keine Schilder. Bis vor einigen Jahren war die Danakil-Senke eine No-Go-Area, weil die Afar-Region als zu unruhig galt. Aus diesem Grund gibt es auch noch keine touristische Infrastruktur – und keine Regeln. Die eigene Vernunft muss uns befehlen, wo wir Halt machen. Ich halte mir meinen Schal als Atemschutz vor das Gesicht und starre in die brodelnde, orangefarbene Lavasauce. Ich könnte stundenlang einfach starren, weil es ein derart berauschender Anblick ist. Es braucht nach etwa zwei Stunden schon eine sanfte Aufforderung unserer Reiseleiter, die uns vom Kraterrand weglockt.

Einige hundert Meter von Kraterrand entfernt übernachten wir. Unsere Schlafsäcke müssen wir auf dem Boden kleiner Holzhütten ausbreiten. Die Matratzen, die uns versprochen wurden, haben es nicht auf den Berg geschafft. Eigentlich hätten Kamele unsere Schlafunterlage transportieren sollen, doch der Bauer mit den Tieren war nicht wie verabredet in der kleinen Siedlung am Fuss des Berges anzutreffen. Also haben wir halt keine weiche Unterlage zum Schlafen. In dieser Nacht nehmen wir das gerne in Kauf. Wir wissen: Wir ruhen ohnehin bloss etwa vier Stunden, dann geht es nochmals zurück an den Kraterrand, damit wir dort den Sonnenaufgang geniessen können.

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Dann, um 6 Uhr morgens, ist Abmarsch. Wir müssen rechtzeitig zurück bei unseren Geländewagen sein. Rechtzeitig, bevor die Hitze wieder unerträglich ist. Auf dem Programm steht an unserem zweiten Tag ansonsten nicht mehr viel. Es geht mit dem Auto etwa vier Stunden zurück in das nächstgelegene grössere Dorf. Dort werden wir in einem Haus einquartiert, wo wir auf ein paar Matratzen am Boden übernachten können. Nach der harten Nacht zuvor ist dies ein richtiger Luxus. Und wir kriegen eine Dusche. Keine normale Dusche, sondern eine „afrikanische Dusche“, wie unsere Reiseführer lächelnd erklären. Das heisst: Ein Kessel Wasser, den wir uns über den Kopf kippen können. Herrlich!

Am anderen Morgen früh machen wir einen Spaziergang durchs Dorf. Die Kinder sind ganz aufgeregt, als sie uns sehen. „China Photo“, rufen sie in Richtung unserer Gruppe. Wir wissen zunächst nicht, was sie uns damit mitteilen wollen, merken dann aber, dass sie wohl unseren netten japanischen Mitreisenden für einen Chinesen halten und ihn bitten, dass er sie fotografiert. Falsch gedacht: Die Kinder rufen auch uns „China Photo“ zu. Unser Reiseleiter klärt uns lachend auf: „Vor einigen Jahren haben in diesem Dorf chinesische Arbeiter gewohnt, die die Strasse gebaut haben. Seither halten die Kinder hier alle hellhäutigen Menschen für Chinesen.“

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Wenig später steigen wir wieder in unsere Autos und fahren über diesen chinesischen Highway. Nach etwa fünf Stunden kommen wir wieder in eine Afar-Siedlung, wo wir später die Nacht in einer Art Hängematte verbringen. Wir lassen unser Gepäck dort – und fahren zum Assale-Salzsee. Der See ist ein Spektakel.

Die Salzschichten sind dick, die Wasserschicht darauf nur ganz dünn, so dass man buchstäblich über Wasser gehen kann. Wir gelangen an ein kleines Wasserloch. Es sieht aus wie ein natürlicher Swimmingpool. Und tatsächlich lässt sich darin baden. Allerdings ist die Badehose nachher stocksteif vor lauter Salz – und für den Rest der Ferien (abseits aller Waschmaschinen) nicht mehr zu gebrauchen.

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Höhepunkt an diesem dritten Tag ist der Sonnenuntergang am Rand des Salzsees. Sonnenuntergänge in Afrika sind ohnehin meist spektakulär (ja, die Farben am Himmel sind wirklich anders), dieser Sonnenuntergang ist jedoch besonders. Der See spiegelt den Himmel. Unser Fahrer dreht das Autoradio auf.

Die äthiopischen Soldaten, die uns sicherheitshalber begleiten und ansonsten so schweigsam sind, tanzen plötzlich zum Disco-Sound, der aus unseren Lautsprechern kommt. Und sie schwenken dabei ihre Kalaschnikow-Gewehre. Ein bizarrer Anblick.

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Nach einer herrlichen Nacht unter dem äthiopischen Sternenhimmel fahren wir am vierten Tag unserer Exkursion weiter in die Salzpfanne hinein und sehen etwa 30 Männern bei der Arbeit zu. In dieser unwirtlichen Gegend bauen sie Salz ab. Eine unfassbar harte Arbeit bei unmenschlichen Temperaturen.

Die dürren, ausgemergelten Männer schlagen mit langen Stangen Salzquadrate aus dem Boden. Anschliessend bearbeiten diese Quadrate, so dass sie alle gleich gross sind. Dann werden die Quadrate auf Kamele geladen. Die Kamele transportieren das Salz in die äthiopische Hochebene – zum Beispiel nach Mek’ele.

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Gegen Mittag fahren wir weiter. Zum letzten Höhepunkt unserer Reise. Nach Dallol. Es ist eines der aussergewöhnlichsten Geothermalgebiete der Welt. Hier, ganz in der Nähe der Grenze zu Eritrea, werden die höchsten durchschnittlichen Jahrestemperaturen der Erde registriert. 120 Meter unter dem Meerespiegel liegt Dallol.

Ich weiss, was mich hier erwartet. Ich habe es auf Fotos gesehen. Ein farbiges Spektakel. Die vulkanische Wärme bringt das Grundwasser zum Ansteigen. Dabei werden Mineralien gelöst, die an der Oberfläche in heissen Quellen und kleinen Salzgeysiren abgelagert werden. Eine sehr farbige Welt mit dem Gelb des Schwefels, dem Weiss der Salze und den Braun- und Rottönen der verschiedenen Oxide.

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Vor Ort sieht es dann aber noch spektakulärer aus als auf den Fotos. Als Kind habe ich mir so einen fremden Planeten vorgestellt. Jonas, unser äthiopischer Reiseführer, gibt klare Anweisungen: Gelb ist verboten. Auf keinen Fall dürften wir auf gelbe Flächen treten.

Er erzählt uns Schauermärchen von Touristen, die sich hier die Beine verätzt hätten. Also machen wir einen Bogen ums Gelbe. Dann, nach zwei Stunden in diesem Wunderland, drängt Jonas zum Aufbruch. In der Nachmittagssonne, erzählt er, wären die schwefeligen Dämpfe nicht mehr auszuhalten.

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Es geht zurück nach Mek’ele. Zurück in die Zivilisation. Zurück zu normalen Temperaturen. Wir verabschieden uns von unserem Fahrer Dagi, unseren zwei Mitreisenden Alejandro und Kazuyoshi. Sie waren vier Tage lang die besten Freunde, die man sich vorstellen kann. Eine solche Reise ohne jeglichen Komfort schweisst zusammen – und sei es nur, weil man sich gegenseitig mit Feuchttüchern aushilft, um den Staub vom Körper zu wischen.

Und wie gefährlich war die Reise in die Danakil-Senke nun tatsächlich? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich habe mich sicherer gefühlt als im Jahr zuvor in Rio de Janeiro. Dort warnen einen die Einheimischen permanent vor den Gefahren der Stadt. Dies schränkt das Wohlbefinden ein. In den vier Tagen in Danakil dagegen gab es keine einzige Situation, in der ich mich unwohl gefühlt habe. Allerdings ist das auch nicht verwunderlich. Meistens fuhren wir durch eine menschenleere Landschaft.

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Fotos: Andreas Beglinger

Am Ende der Welt

Der Kellner seufzt. Er wirkt wenig erfreut, dass wir in seinem Restaurant essen und trinken wollen. Betont langsam geht er in die Küche, um die Speisekarten zu holen – nach ein paar Minuten hat er sie dann gefunden und legt sie uns auf den Tisch. Mit einem neuerlichen Seufzer.

An einem anderen Ort auf der Welt würden wir uns vielleicht über den Kellner aufregen – zumal die Preise im „Te Moana“ gesalzen sind. Hier wäre es seltsam sich aufzuregen. Wir sitzen auf der Veranda des Restaurants und blicken auf die Hauptstrasse von Hanga Roa, der einzigen Ortschaft der Osterinsel. Während wir auf unseren frischen Fisch warten, zieht das Leben in Zeitlupe an uns vorbei. Menschen, von denen es keiner eilig zu haben scheint. Ein Pferd, das niemandem gehört. Stets im Ohr: das Rauschen des Pazifiks. Und was passt besser zu einem derart entschleunigten Ort als ein entschleunigter Kellner?

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Der gemächliche Lebensrhythmus ist die grösste Kostbarkeit der Osterinsel. Kostbar deshalb, weil die Wahrzeichen der Insel, die grossen Steinskulpturen, weltberühmt sind – und eigentlich Heerscharen von Touristen anlocken müssten. Der Tourismus ist zwar tatsächlich die wichtigste Einnahmequelle der Insel, aber er wirkt deutlich weniger aufdringlich als anderswo. Sogar die Skultpturen, die Moai, hat man bisweilen minutenlang für sich alleine.

Möglich ist dies, weil Rapa Nui, wie die Osterinsel in der Sprache der Einheimischen heisst, einer der abgelegensten Orte der Welt ist. Politisch gehört das Eiland zu Chile, die Hauptstadt Santiago ist jedoch fünf Flugstunden entfernt. Und auch bis zum nächsten bewohnten Stück Land sind es mehr als 2000 Kilometer. Touristen, die hierher kommen, sind Überzeugungstäter. Überzeugt, dass sich die lange Reise lohnt.

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Wir steigen in einen kleinen Geländewagen und lassen Hanga Roa hinter uns. Auf einer holprigen Sandpiste fahren wir der Küste entlang. Die Landschaft ist karg, Steinbrocken säumen den Weg, es gibt viel Gras, ein paar Sträucher, keine Bäume. Die grossen Palmwälder auf der Osterinsel haben die Bewohner vor mehr als 500 Jahren abgeholzt. Eine von Menschenhand verursachte Naturkatastrophe, deren Folgen heute noch sichtbar sind. Der Wind pfeift über die Insel und der Boden ist schutzlos der Erosion ausgesetzt. Ein schlechter Ort für Landwirtschaft. Die meisten Lebensmittel für die knapp 6000 Bewohner der Osterinsel und für die Touristen müssen daher aus Chile eingeflogen werden – das erklärt die relativ teuren Restaurants.

Die Sandpiste schlängelt sich landeinwärts den Hügel hinauf – und plötzlich stehen sie vor uns: sieben Steinkolosse. Die erste Begegnung mit den Moai ist atemberaubend. Die sieben Kerle sind etwa zehn Meter gross und tonnenschwer. Sie blicken vom Hügel herab stoisch aufs Meer hinaus – und das macht sie aussergewöhnlich. Alle anderen Moai blicken nämlich landeinwärts. Warum das so ist, dafür gibt es keine stichhaltigen Erklärungen.

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Diese Aura des Unerklärlichen umgibt alle Steinskulpturen auf der Osterinsel. Ihre Geschichte ist voller Rätsel. Angefangen bei ihrer Bedeutung. Was symbolisieren sie? Warum wurden sie errichtet? Keiner weiss es. Als gesichert gilt, dass die Bewohner der Osterinsel zwischen 1250 und 1500 mehrere hundert Moai aus dem Felsen des Vulkans Rano-Raraku schlugen und sie an verschiedene Orte auf der Insel transportierten. Warum die Produktion später eingestellt wurde, das weiss hingegen niemand – noch heute liegen im Steinbruch unzählige unfertige Moai.

Der erste Europäer auf der Insel war der holländische Seefahrer Jacob Roggeveen. Er „entdeckte“ sie an Ostern 1722 und gab ihr ihren heutigen Namen. Damals waren die Moai auf der Insel alle noch intakt. Fünfzig Jahre später lagen sie am Boden, waren teilweise zerstört. Die Gründe dafür liegen ebenfalls im Dunkeln.

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Heute stehen auf der Osterinsel wieder mehrere Moai-Formationen. Wissenschaftler haben sie im 20. Jahrhundert wieder aufgebaut – auch die sieben Steinkerle, die vor uns stehen und aufs Meer hinaus schauen. Wir lassen sie zurück als Bewacher unseres Geländeautos, packen Windjacken und Wasserflaschen in unsere Rucksäcke – und steigen weiter den Hügel hinauf. Das Ziel: der Maunga Terevaka – mit rund 520 Metern die höchste Erhebung der Osterinsel. Der Aufstieg dauert knapp zwei Stunden, immer wieder werden wir begleitet von Wildpferden. Je höher wir steigen, desto kühler ist es. Hier, mitten im Pazifik, sinken die Temperaturen rasch, wenn man auf einen Hügel steigt. Der Gipfel des Maunga Terevaka schliesslich ist so flach, dass wir ihn als solchen kaum erkennen würden, stünde da nicht ein kleines Steinhäufchen. Umso beeindruckender die Aussicht. Ein 360-Grad-Panorama über die ganze Insel und weit und breit sehen wir keine anderen Menschen.

Zurück in Hanga Roa sind wir wieder zwar wieder unter Menschen – aber selbst auf die Touristen wirkt die Langsamkeit der Insel ansteckend. Zwei Schweizer Frauen, denen das chilenische Bargeld ausgegangen ist, nehmen gelassen zur Kenntnis, dass alle vier Bankomaten auf der Insel leer sind. Dann stellen sie sich halt in der einzigen Bank von Hanga Roa in die Warteschlange und warten zwei Stunden auf ihr Geld.

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Wir wohnen ausserhalb von Hanga Roa. Unserem Gastgeber Christophe hat es der Lebensrhythmus der Insel ebenfalls angetan. Der Franzose absolvierte seinen Militärdienst in Tahiti, freundete sich mit der polynesischen Kultur an und besuchte mehrere Inseln – auf der Osterinsel gefiel es ihm am Besten. Er heiratete eine Einheimische, wurde Vater von zwei Kindern – und vermietet nun das Nebengebäude seines Eigenheims an Touristen. Zurück nach Europa? Undenkbar. In Paris finde er sich bei seinen Besuchen ob der Hektik kaum mehr zurecht, sagt er. Zudem vermisse er dort die Sonnenuntergänge.

Unseren ersten Sonnenuntergang erleben wir auf der Veranda des Restaurants „Te Moana“. Unser Kellner hat mittlerweile seine schlechte Laune abgelegt. Vermutlich, weil wir seinen Kaffee zu schätzen wissen. Der junge Mann kommt mit einem Köfferchen an unseren Tisch und öffnet es mit einer theatralischen Geste. Darin befinden sich Nespresso-Kapseln in ganz verschiedenen Farben, wir dürfen unsere persönliche Kaffee-Kapsel aussuchen – und es bleibt die Gewissheit: Am anderen Ende der Welt ist offenbar Schweizer Kaffee der letzte Schrei.

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Fotos: Andreas Beglinger