Der heisseste Ort der Welt

„Ich kann die westlichen Staaten beim besten Willen nicht verstehen.“ Desta, eine energische Frau um die Fünfzig, redet sich ein wenig in Rage. „Ich finde es unfair, dass diese Staaten von Reisen in unsere Wüste abraten.“

Desta, die mit einem Deutschen verheiratet ist, führt das Debre Amo Guest House in Mek’ele, einer Kleinstadt im Osten Äthiopiens. 220’000 Menschen leben hier. Tendenz steigend. Die Stadt boomt. Etliche Hotels befinden sich im Bau und zeugen vom Aufschwung der Stadt. Die Universität lockt viele junge Menschen an. Trotz der unvorteilhaften Reiseempfehlungen zieht aber auch der Wüsten-Tourismus massiv an. „Zu Recht, hier bekommen die Touristen wirklich etwas Einmaliges zu sehen“, findet Desta. Sie ist auch überzeugt, dass der Tourismus in den kommenden Jahren weiter zulegt, aus diesem Grund hat sie in Mek’ele ihr Guest House eröffnet.

Auch wir wollen in die Wüste. Genau gesagt: in die Danakil-Senke. Sie gilt als der heisseste Ort der Welt. Wortwörtlich. Vor allem aber ist die Danakil-Senke eine der geologisch aktivsten Regionen der Welt. Unser grosses Ziel, der Erta Ale, ist einer von nur sechs Vulkanen weltweit, in dessen Kegel sich ein aktiver Lavasee befindet. Fotos von diesem Vulkan haben wir schon viele gesehen, auch eine spektakuläre Dokumentation der BBC. Jetzt wollen wir uns aber selber ein Bild machen.

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Wir haben lange gezögert, hierher zu reisen. Eben wegen der unvorteilhaften Reiseempfehlungen. Auch die Schweiz rät zum Verzicht auf einen Wüstentrip. Der Grund, warum die Danakil-Senke als problematisch gilt: Im Januar 2012 wurden fünf europäische Touristen bei einem Überfall getötet, zwei Touristen wurden entführt und später wieder freigelassen. So richtig aufgeklärt wurde die Tat nie. Äthiopien vermutete, dass Rebellen aus dem nahegelegenen Eritrea über die Grenze gekommen seien. Eritrea dementierte.

Wir haben uns trotzdem für die Reise entschieden, weil mehrere ortskundige Leute uns versichert haben, dass Äthiopien seit dem Überfall die Grenze zu Eritrea peinlich genau kontrolliere. Und wir haben uns bei deutschen Reisebüros erkundigt, die Touren hierher anbieten. Auch sie hielten den Trip für unbedenklich. Ein gewisses Mass an Sicherheit sollen zudem die lokalen Reiseveranstalter garantieren. Touristen dürfen nämlich nur organisiert und in der Gruppe in die Danakil-Senke reisen. Jede Gruppe wird von bewaffneten Sicherheitsleuten begleitet. Das war allerdings schon beim Attentat so. Die Geländewagen fahren in Konvois. Falls ein Auto im Wüstensand stecken bleibt, können es die anderen Autos mit vereinten Kräften aus dem Dreck ziehen.

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Und so finden wir uns am Montagmorgen im Büro von Ethio Travel And Tours in Mek’ele ein. Es ist eine bunte Gruppe. 15 Touristen aus aller Welt. Wir teilen uns das Auto mit zwei Reisenden, die beide schon ewig unterwegs sind und die halbe Welt bereist haben. Alejandro aus Mexiko und Kazuyoshi aus Japan. Dagi, unser äthiopischer Fahrer, ist trotz seines noch jugendlichen Alters ein Wüstenfuchs. Unzählige Male sei er schon in die Danakil-Senke gefahren. Ihn selber langweilen diese Fahrten mittlerweile und er träumt von einem Leben als Reiseführer für deutschsprachige Touristen in Addis Ababa. Seine Zeit im Auto vertreibt er sich mit Discomusik aus den 70er-Jahren. Immer wieder denke ich während der Reise, wie bizarr es ist, mitten in der äthiopischen Wüste den alten Schweden von Abba zuzuhören, wie sie sich „A Man After Midnight“ wünschen.

Aber zurück an den Anfang unserer Reise. Wir fahren über eine Strasse, die für afrikanische Verhältnisse in einem unfassbar guten Zustand ist. Gebaut wurde sie nicht für die Menschen der Afar-Volksgruppe, die hier in der Gegend als Nomaden leben. Gebaut wurde sie auch nicht für Touristen. Chinesische Firmen haben Strassen in der Gegend erstellt, weil es einige Bodenschätze gibt. Vor allem Kali, das in verschiedenen Minen abgebaut wird. Und wo Bodenschätze sind, da sind in Afrika Firmen aus China, Europa oder Nordamerika nie weit. Kommt hinzu, dass via Strasse der Warentransport aus Äthiopien an den Hafen von Djibouti schneller möglich ist.

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Die Fahrt von der Studentenstadt Mek’ele hinunter in die Danakil-Senke ist die Fahrt in eine andere Welt und in eine andere Zeit. Die Dörfer der Afar-Nomaden haben kein fliessendes Wasser, Strom liefern einzig vereinzelte Generatoren. Viele der Hütten sind Holzkonstruktionen, die schnell ab- und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden können.

Die Menschen leben von der Viehzucht und vom Salzabbau, den sie in der Wüste vorantreiben. Sie profitieren teilweise von der Entwicklungshilfe von internationalen Organisationen. Und sie leben von Subventionen des äthiopischen Staates selber, der die Nomaden jedoch dazu ermuntern möchte, sesshaft zu werden. Die Lebensbedingungen sind hart. Die Danakil-Ebene liegt unter dem Meeresspiegel, die Temperaturen sind kaum auszuhalten. Bald zeigt das Thermometer 50 Grad Celsius. Zum Glück ist unser Auto klimatisiert. Die Afar aber, sie müssen diese Hitze täglich aushalten.

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Immer wieder begegnen wir diesen Nomaden auf unserem Weg zum Vulkan. Links und rechts vom Auto hüpfen Kinder in den Fussballtrikots von Manchester United und dem FC Barcelona barfuss über die glühend heissen Steine. Die letzten Kilometer zum Vulkan führen über eine fürchterliche Rumpelpiste. Unser Fahrer bezeichnet sie als „schlechteste Strasse der Welt“. Wobei Strasse nicht das passende Wort ist.

Es ist pickelhartes, vulkanisches Gestein, über das sich unser Geländewagen nur im Zeitlupentempo bewegen kann. Zu Fuss wären wir schneller als im Auto. Aber angesichts der höllischen Temperaturen ist dies für uns keine Option.

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Am späten Nachmittag erreichen wir schliesslich eine Ansammlung von etwa zehn Hütten. Unser Basislager. Von hier aus besteigen wir den Vulkan. Eigentlich ist der Aufstieg ja ein Kinderspiel. Der Krater liegt auf lediglich 613 Metern über Meer. Wären da nicht die Temperaturen. Wir müssen warten, bis die Sonne untergeht, weil die Wanderung in der Hitze mörderisch wäre. Dann montieren wir unsere Stirnlampen und marschieren los. Auf halben Weg zum Gipfel dringt allmählich ein schwefeliger Geruch in unsere Nasen. Wir riechen, dass dies kein gewöhnlicher Berg ist. Der Nachthimmel ist zart rot gefärbt – je näher wir dem Gipfel kommen, desto roter wird er.

Dann haben wir es geschafft. Der Anblick ist umwerfend. Unbeschreiblich. Das gewaltigste Naturschauspiel, das ich je gesehen habe. Graue Lavaschollen werden von riesigen Kräften hinuntergezogen. Immer wieder schiessen glühende Lavafontänen in die Luft. Es ist, als ob wir am Tor zur Hölle stehen. Die Einheimischen sind überzeugt, dass hier der Teufel wohnt. Ein durchaus nachvollziehbarer Aberglaube.

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Auch für uns ist beim Erta Ale eine gehörige Portion Nervenkitzel inbegriffen. Stünde dieser Vulkan irgendwo in Europa, dann würden uns Verbotsschilder weit weg vom Kraterrand halten. Hier gibt es keine Schilder. Bis vor einigen Jahren war die Danakil-Senke eine No-Go-Area, weil die Afar-Region als zu unruhig galt. Aus diesem Grund gibt es auch noch keine touristische Infrastruktur – und keine Regeln. Die eigene Vernunft muss uns befehlen, wo wir Halt machen. Ich halte mir meinen Schal als Atemschutz vor das Gesicht und starre in die brodelnde, orangefarbene Lavasauce. Ich könnte stundenlang einfach starren, weil es ein derart berauschender Anblick ist. Es braucht nach etwa zwei Stunden schon eine sanfte Aufforderung unserer Reiseleiter, die uns vom Kraterrand weglockt.

Einige hundert Meter von Kraterrand entfernt übernachten wir. Unsere Schlafsäcke müssen wir auf dem Boden kleiner Holzhütten ausbreiten. Die Matratzen, die uns versprochen wurden, haben es nicht auf den Berg geschafft. Eigentlich hätten Kamele unsere Schlafunterlage transportieren sollen, doch der Bauer mit den Tieren war nicht wie verabredet in der kleinen Siedlung am Fuss des Berges anzutreffen. Also haben wir halt keine weiche Unterlage zum Schlafen. In dieser Nacht nehmen wir das gerne in Kauf. Wir wissen: Wir ruhen ohnehin bloss etwa vier Stunden, dann geht es nochmals zurück an den Kraterrand, damit wir dort den Sonnenaufgang geniessen können.

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Dann, um 6 Uhr morgens, ist Abmarsch. Wir müssen rechtzeitig zurück bei unseren Geländewagen sein. Rechtzeitig, bevor die Hitze wieder unerträglich ist. Auf dem Programm steht an unserem zweiten Tag ansonsten nicht mehr viel. Es geht mit dem Auto etwa vier Stunden zurück in das nächstgelegene grössere Dorf. Dort werden wir in einem Haus einquartiert, wo wir auf ein paar Matratzen am Boden übernachten können. Nach der harten Nacht zuvor ist dies ein richtiger Luxus. Und wir kriegen eine Dusche. Keine normale Dusche, sondern eine „afrikanische Dusche“, wie unsere Reiseführer lächelnd erklären. Das heisst: Ein Kessel Wasser, den wir uns über den Kopf kippen können. Herrlich!

Am anderen Morgen früh machen wir einen Spaziergang durchs Dorf. Die Kinder sind ganz aufgeregt, als sie uns sehen. „China Photo“, rufen sie in Richtung unserer Gruppe. Wir wissen zunächst nicht, was sie uns damit mitteilen wollen, merken dann aber, dass sie wohl unseren netten japanischen Mitreisenden für einen Chinesen halten und ihn bitten, dass er sie fotografiert. Falsch gedacht: Die Kinder rufen auch uns „China Photo“ zu. Unser Reiseleiter klärt uns lachend auf: „Vor einigen Jahren haben in diesem Dorf chinesische Arbeiter gewohnt, die die Strasse gebaut haben. Seither halten die Kinder hier alle hellhäutigen Menschen für Chinesen.“

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Wenig später steigen wir wieder in unsere Autos und fahren über diesen chinesischen Highway. Nach etwa fünf Stunden kommen wir wieder in eine Afar-Siedlung, wo wir später die Nacht in einer Art Hängematte verbringen. Wir lassen unser Gepäck dort – und fahren zum Assale-Salzsee. Der See ist ein Spektakel.

Die Salzschichten sind dick, die Wasserschicht darauf nur ganz dünn, so dass man buchstäblich über Wasser gehen kann. Wir gelangen an ein kleines Wasserloch. Es sieht aus wie ein natürlicher Swimmingpool. Und tatsächlich lässt sich darin baden. Allerdings ist die Badehose nachher stocksteif vor lauter Salz – und für den Rest der Ferien (abseits aller Waschmaschinen) nicht mehr zu gebrauchen.

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Höhepunkt an diesem dritten Tag ist der Sonnenuntergang am Rand des Salzsees. Sonnenuntergänge in Afrika sind ohnehin meist spektakulär (ja, die Farben am Himmel sind wirklich anders), dieser Sonnenuntergang ist jedoch besonders. Der See spiegelt den Himmel. Unser Fahrer dreht das Autoradio auf.

Die äthiopischen Soldaten, die uns sicherheitshalber begleiten und ansonsten so schweigsam sind, tanzen plötzlich zum Disco-Sound, der aus unseren Lautsprechern kommt. Und sie schwenken dabei ihre Kalaschnikow-Gewehre. Ein bizarrer Anblick.

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Nach einer herrlichen Nacht unter dem äthiopischen Sternenhimmel fahren wir am vierten Tag unserer Exkursion weiter in die Salzpfanne hinein und sehen etwa 30 Männern bei der Arbeit zu. In dieser unwirtlichen Gegend bauen sie Salz ab. Eine unfassbar harte Arbeit bei unmenschlichen Temperaturen.

Die dürren, ausgemergelten Männer schlagen mit langen Stangen Salzquadrate aus dem Boden. Anschliessend bearbeiten diese Quadrate, so dass sie alle gleich gross sind. Dann werden die Quadrate auf Kamele geladen. Die Kamele transportieren das Salz in die äthiopische Hochebene – zum Beispiel nach Mek’ele.

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Gegen Mittag fahren wir weiter. Zum letzten Höhepunkt unserer Reise. Nach Dallol. Es ist eines der aussergewöhnlichsten Geothermalgebiete der Welt. Hier, ganz in der Nähe der Grenze zu Eritrea, werden die höchsten durchschnittlichen Jahrestemperaturen der Erde registriert. 120 Meter unter dem Meerespiegel liegt Dallol.

Ich weiss, was mich hier erwartet. Ich habe es auf Fotos gesehen. Ein farbiges Spektakel. Die vulkanische Wärme bringt das Grundwasser zum Ansteigen. Dabei werden Mineralien gelöst, die an der Oberfläche in heissen Quellen und kleinen Salzgeysiren abgelagert werden. Eine sehr farbige Welt mit dem Gelb des Schwefels, dem Weiss der Salze und den Braun- und Rottönen der verschiedenen Oxide.

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Vor Ort sieht es dann aber noch spektakulärer aus als auf den Fotos. Als Kind habe ich mir so einen fremden Planeten vorgestellt. Jonas, unser äthiopischer Reiseführer, gibt klare Anweisungen: Gelb ist verboten. Auf keinen Fall dürften wir auf gelbe Flächen treten.

Er erzählt uns Schauermärchen von Touristen, die sich hier die Beine verätzt hätten. Also machen wir einen Bogen ums Gelbe. Dann, nach zwei Stunden in diesem Wunderland, drängt Jonas zum Aufbruch. In der Nachmittagssonne, erzählt er, wären die schwefeligen Dämpfe nicht mehr auszuhalten.

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Es geht zurück nach Mek’ele. Zurück in die Zivilisation. Zurück zu normalen Temperaturen. Wir verabschieden uns von unserem Fahrer Dagi, unseren zwei Mitreisenden Alejandro und Kazuyoshi. Sie waren vier Tage lang die besten Freunde, die man sich vorstellen kann. Eine solche Reise ohne jeglichen Komfort schweisst zusammen – und sei es nur, weil man sich gegenseitig mit Feuchttüchern aushilft, um den Staub vom Körper zu wischen.

Und wie gefährlich war die Reise in die Danakil-Senke nun tatsächlich? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich habe mich sicherer gefühlt als im Jahr zuvor in Rio de Janeiro. Dort warnen einen die Einheimischen permanent vor den Gefahren der Stadt. Dies schränkt das Wohlbefinden ein. In den vier Tagen in Danakil dagegen gab es keine einzige Situation, in der ich mich unwohl gefühlt habe. Allerdings ist das auch nicht verwunderlich. Meistens fuhren wir durch eine menschenleere Landschaft.

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Fotos: Andreas Beglinger

Am Ende der Welt

Der Kellner seufzt. Er wirkt wenig erfreut, dass wir in seinem Restaurant essen und trinken wollen. Betont langsam geht er in die Küche, um die Speisekarten zu holen – nach ein paar Minuten hat er sie dann gefunden und legt sie uns auf den Tisch. Mit einem neuerlichen Seufzer.

An einem anderen Ort auf der Welt würden wir uns vielleicht über den Kellner aufregen – zumal die Preise im „Te Moana“ gesalzen sind. Hier wäre es seltsam sich aufzuregen. Wir sitzen auf der Veranda des Restaurants und blicken auf die Hauptstrasse von Hanga Roa, der einzigen Ortschaft der Osterinsel. Während wir auf unseren frischen Fisch warten, zieht das Leben in Zeitlupe an uns vorbei. Menschen, von denen es keiner eilig zu haben scheint. Ein Pferd, das niemandem gehört. Stets im Ohr: das Rauschen des Pazifiks. Und was passt besser zu einem derart entschleunigten Ort als ein entschleunigter Kellner?

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Der gemächliche Lebensrhythmus ist die grösste Kostbarkeit der Osterinsel. Kostbar deshalb, weil die Wahrzeichen der Insel, die grossen Steinskulpturen, weltberühmt sind – und eigentlich Heerscharen von Touristen anlocken müssten. Der Tourismus ist zwar tatsächlich die wichtigste Einnahmequelle der Insel, aber er wirkt deutlich weniger aufdringlich als anderswo. Sogar die Skultpturen, die Moai, hat man bisweilen minutenlang für sich alleine.

Möglich ist dies, weil Rapa Nui, wie die Osterinsel in der Sprache der Einheimischen heisst, einer der abgelegensten Orte der Welt ist. Politisch gehört das Eiland zu Chile, die Hauptstadt Santiago ist jedoch fünf Flugstunden entfernt. Und auch bis zum nächsten bewohnten Stück Land sind es mehr als 2000 Kilometer. Touristen, die hierher kommen, sind Überzeugungstäter. Überzeugt, dass sich die lange Reise lohnt.

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Wir steigen in einen kleinen Geländewagen und lassen Hanga Roa hinter uns. Auf einer holprigen Sandpiste fahren wir der Küste entlang. Die Landschaft ist karg, Steinbrocken säumen den Weg, es gibt viel Gras, ein paar Sträucher, keine Bäume. Die grossen Palmwälder auf der Osterinsel haben die Bewohner vor mehr als 500 Jahren abgeholzt. Eine von Menschenhand verursachte Naturkatastrophe, deren Folgen heute noch sichtbar sind. Der Wind pfeift über die Insel und der Boden ist schutzlos der Erosion ausgesetzt. Ein schlechter Ort für Landwirtschaft. Die meisten Lebensmittel für die knapp 6000 Bewohner der Osterinsel und für die Touristen müssen daher aus Chile eingeflogen werden – das erklärt die relativ teuren Restaurants.

Die Sandpiste schlängelt sich landeinwärts den Hügel hinauf – und plötzlich stehen sie vor uns: sieben Steinkolosse. Die erste Begegnung mit den Moai ist atemberaubend. Die sieben Kerle sind etwa zehn Meter gross und tonnenschwer. Sie blicken vom Hügel herab stoisch aufs Meer hinaus – und das macht sie aussergewöhnlich. Alle anderen Moai blicken nämlich landeinwärts. Warum das so ist, dafür gibt es keine stichhaltigen Erklärungen.

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Diese Aura des Unerklärlichen umgibt alle Steinskulpturen auf der Osterinsel. Ihre Geschichte ist voller Rätsel. Angefangen bei ihrer Bedeutung. Was symbolisieren sie? Warum wurden sie errichtet? Keiner weiss es. Als gesichert gilt, dass die Bewohner der Osterinsel zwischen 1250 und 1500 mehrere hundert Moai aus dem Felsen des Vulkans Rano-Raraku schlugen und sie an verschiedene Orte auf der Insel transportierten. Warum die Produktion später eingestellt wurde, das weiss hingegen niemand – noch heute liegen im Steinbruch unzählige unfertige Moai.

Der erste Europäer auf der Insel war der holländische Seefahrer Jacob Roggeveen. Er „entdeckte“ sie an Ostern 1722 und gab ihr ihren heutigen Namen. Damals waren die Moai auf der Insel alle noch intakt. Fünfzig Jahre später lagen sie am Boden, waren teilweise zerstört. Die Gründe dafür liegen ebenfalls im Dunkeln.

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Heute stehen auf der Osterinsel wieder mehrere Moai-Formationen. Wissenschaftler haben sie im 20. Jahrhundert wieder aufgebaut – auch die sieben Steinkerle, die vor uns stehen und aufs Meer hinaus schauen. Wir lassen sie zurück als Bewacher unseres Geländeautos, packen Windjacken und Wasserflaschen in unsere Rucksäcke – und steigen weiter den Hügel hinauf. Das Ziel: der Maunga Terevaka – mit rund 520 Metern die höchste Erhebung der Osterinsel. Der Aufstieg dauert knapp zwei Stunden, immer wieder werden wir begleitet von Wildpferden. Je höher wir steigen, desto kühler ist es. Hier, mitten im Pazifik, sinken die Temperaturen rasch, wenn man auf einen Hügel steigt. Der Gipfel des Maunga Terevaka schliesslich ist so flach, dass wir ihn als solchen kaum erkennen würden, stünde da nicht ein kleines Steinhäufchen. Umso beeindruckender die Aussicht. Ein 360-Grad-Panorama über die ganze Insel und weit und breit sehen wir keine anderen Menschen.

Zurück in Hanga Roa sind wir wieder zwar wieder unter Menschen – aber selbst auf die Touristen wirkt die Langsamkeit der Insel ansteckend. Zwei Schweizer Frauen, denen das chilenische Bargeld ausgegangen ist, nehmen gelassen zur Kenntnis, dass alle vier Bankomaten auf der Insel leer sind. Dann stellen sie sich halt in der einzigen Bank von Hanga Roa in die Warteschlange und warten zwei Stunden auf ihr Geld.

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Wir wohnen ausserhalb von Hanga Roa. Unserem Gastgeber Christophe hat es der Lebensrhythmus der Insel ebenfalls angetan. Der Franzose absolvierte seinen Militärdienst in Tahiti, freundete sich mit der polynesischen Kultur an und besuchte mehrere Inseln – auf der Osterinsel gefiel es ihm am Besten. Er heiratete eine Einheimische, wurde Vater von zwei Kindern – und vermietet nun das Nebengebäude seines Eigenheims an Touristen. Zurück nach Europa? Undenkbar. In Paris finde er sich bei seinen Besuchen ob der Hektik kaum mehr zurecht, sagt er. Zudem vermisse er dort die Sonnenuntergänge.

Unseren ersten Sonnenuntergang erleben wir auf der Veranda des Restaurants „Te Moana“. Unser Kellner hat mittlerweile seine schlechte Laune abgelegt. Vermutlich, weil wir seinen Kaffee zu schätzen wissen. Der junge Mann kommt mit einem Köfferchen an unseren Tisch und öffnet es mit einer theatralischen Geste. Darin befinden sich Nespresso-Kapseln in ganz verschiedenen Farben, wir dürfen unsere persönliche Kaffee-Kapsel aussuchen – und es bleibt die Gewissheit: Am anderen Ende der Welt ist offenbar Schweizer Kaffee der letzte Schrei.

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Fotos: Andreas Beglinger

Auf den Spuren des Jaguars

Plötzlich sind wir umzingelt. Im Süden, in unserer Fahrtrichtung, türmt sich eine riesige Wolkenwand auf – es blitzt und donnert, als ob uns die Wettergötter heute besonders beeindrucken wollen. Für Joao, unseren Fahrer, ist sogleich klar: Wir sollten besser wenden und zurück in unsere Unterkunft fahren. Nur: Ohne dass wir es bemerkt hätten, hat sich auch in unserem Rücken eine ähnliche Wolkenwand aufgebaut. Zwei Gewitter treffen sich – und wir sind mittendrin. Rasend schnell ist es stockdunkel – und ein gewaltiger Regenguss kommt vom Himmel. Die breite Lehmstrasse, auf der wir unterwegs sind, wird in Sekundenschnelle zu einer Schlammpiste. Gut, dass Joao dieses Strasse wie seine Westentasche kennt und uns durch das Gewitter steuert.

Wir sind im Mittleren Westen von Brasilien. Im Pantanal, einem der weltweit grössten Binnenland-Feuchtgebiete. Zwar hat die Regenzeit noch nicht begonnen, aber das heftige Gewitter gibt uns einen Vorgeschmack, wie es sich anfühlt, wenn der Regen nicht mehr aufhört und alles überschwemmt. Das viele Wasser ist aber bereits jetzt ein Problem. Zurück in unserer Pousada, also in unserer Unterkunft, zeigt sich unser Fahrer Joao besorgt: Er wisse noch nicht, ob wir morgen tiefer ins Pantanal eindringen könnten. Die Strasse sei derzeit kaum passierbar.

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Durch das Pantanal führt nämlich nur eine einzige Strasse, die Transpantaneira – und unsere nächste Unterkunft ist ganz am Ende der insgesamt 145 Kilometer. Handyempfang gibt es lediglich bis etwa Kilometer 80. Wenn wir danach mit unserem Auto stecken bleiben, könnte es ungemütlich werden. „Dann müssen wir stundenlang warten, bis zufälligerweise irgendjemand mit dem Auto vorbeikommt, um uns aufzulesen“, sagt Joao. Und dass unser Auto stecken bleibt, ist jederzeit möglich – nicht nur wegen der Schlammpiste. Auch die mehr als 100 Holzbrücken auf der Strecke sind teilweise in einem prekären Zustand.

Am nächsten Morgen sieht die Welt, respektive das Pantanal, dann aber schon viel freundlicher aus. Das Gewitter hat sich verzogen und die Sonne trocknet die Strasse allmählich ab. Riccardo, der uns die nächsten Tage als Reiseführer begleitet, begrüsst uns beim Frühstück mit hochgerecktem Daumen. Joao habe grünes Licht geben, sagt Riccardo, unserem Abenteuer stehe nichts mehr im Wege.

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Riccardo ist ein knapp 40-jähriger Italiener. Er ist Hobby-Fotograf und hat sich vor ein paar Jahren bei einer Reise in das Pantanal verliebt. Daraufhin hat er gemeinsam mit Joao, der in der Gegend aufgewachsen ist, das kleine Unternehmen „Wild Pantanal“ gegründet. Dieses bietet Safaris durch das Feuchtgebiet an. Riccardo arbeitet hart für seinen Traum, irgendwann ganz von seinem Reiseunternehmen leben zu können – und nicht mehr sechs Monate pro Jahr nach Italien zurückkehren zu müssen, um dort als Handwerker Geld zu verdienen.

Riccardos Leidenschaft ist unser Glück. Er ist keiner dieser Reiseleiter, die ihr Programm lustlos herunterspulen. Er teilt mit uns seine Faszination für einen Flecken Erde, der fast so gross ist wie Deutschland, aber in Europa kaum bekannt. Ein Flecken Erde, der sehr dürftig erschlossen ist und wo kaum Menschen leben, dafür umso mehr Tiere. Es gibt im Pantanal mehr Vogelarten als in ganz Europa.

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Wir sind jedoch nicht nur wegen der vielen Vögel hierher gekommen, sondern in erster Linie um den ungekrönten König des Pantanals zu sehen: den Jaguar. Nirgendwo gibt es so viele dieser Raubkatzen wie hier. Dennoch ist es ziemlich aufwändig, sie aufzuspüren. Nach den vielen holprigen Kilometern mit dem Auto steigen wir am Ende der Transpantaneira um auf ein kleines Boot und schippern damit über die vielen Seitenarme des Rio Cuiaba, die alle fast identisch aussehen. Unsere Safari findet auf dem Wasser statt, weil es im Dickicht der Sumpflandschaft gar kein Durchkommen für ein Auto gäbe.

Wir brauchen Durchhaltevermögen, nach vielen Stunden auf dem Fluss haben wir noch immer keinen Jaguar gesichtet. Das ist insofern locker verschmerzbar, als wir einer Gruppe von Riesenottern zuschauen, wie sie im braunen Wasser ihre frisch gefangenen Fische zwischen ihren Zähnen zermalmen. Wir sehen Kaimane vorbeischwimmen, kleine Alligatoren, die einzig in Südamerika vorkommen. Und am Flussufer stehen immer wieder Capybaras: Nagetiere, die aussehen wie zu gross geratene Meerschweinchen mit Schwimmhäuten.

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Dann ist es so weit. Riccardo deutet aufs Ufer. Ein Jaguar pirscht sich durch das Gebüsch. Wobei uns sogleich auffällt, wie gut er getarnt ist mit seinem Fell, das sich kaum von der Umgebung abhebt. Da braucht es schon ein geübtes Auge, um nicht achtlos am Tier vorbeizufahren. Vom Fluss aus können wir den Jaguar eine halbe Stunde lang beobachten, wie er dem Ufer entlang läuft – und dann schliesslich über den Fluss schwimmt. Im Gegensatz zu anderen Raubkatzen sind Jaguare alles andere als wasserscheu.

Es ist ein beeindruckendes Tier – etwas kleiner als ein Löwe, aber grösser als ein Leopard. Wie viel Kraft ein Jaguar hat, erzählt uns Riccardo später beim Abendessen. Er zeigt uns Fotos, die er vor einem Jahr geschossen hat. Sie zeigen einen Jaguar, der sich durchs Wasser einem Kaiman nähert, ihn anspringt und schliesslich mit einem gezielten Biss in den Hals tötet. Ein Youtube-Film dieser Attacke ist um die Welt gegangen.

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Es ist ein intensives Naturerlebnis. Die Sonne brennt gnadenlos auf uns nieder, die Temperatur steigt auf 40 Grad im nicht vorhandenen Schatten. Im Fluss können wir uns nicht abkühlen, weil dort Piranhas und Kaimane schwimmen. Manchmal sind wir eine Stunde lang unterwegs, ohne anderen Menschen anzutreffen. Der Tourismus hier nimmt zwar allmählich zu, ist aber – anders als bei Safaris in Afrika – kein Massenphänomen.

Für uns geht es nach vier Tagen aus der Wildnis wieder zurück in die Zivilisation. Zurück über die Transpantaneira. Kaum haben wir die Lehmpiste verlassen und nähern uns dem Flughafen von Cuiaba, da fängt es wieder an, sintflutartig zu regnen. Zum Glück erst jetzt – keine Ahnung, ob in den kommenden Tagen eine Reise ins Jaguar-Gebiet überhaupt noch möglich gewesen wäre.

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Fotos: Riccardo Boschetti/Andreas Beglinger